Die Konzilseröffnungsrede Johannes› XXIII. hinterliess grossen Eindruck auf Lukas Vischer, den «Beobachter» des Ökumenischen Rates der Kirchen auf dem II. Vaticanum. Sein Bericht auf der Tagung des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen in Rochester Ende August 1963 handelt in einer für ihn in Form und Inhalt typischen Passage von der Unterscheidung, die der Papst in seiner Rede zwischen der Substanz des Glaubens und seiner Aussageweise vorgenommen hat. Vischers Reaktion ist – erstens – nüchtern: «die Unterscheidung zeigt zunächst die Grenzen, die den Reformen gesetzt sind». Nach dieser Einschränkung bricht sich – zweitens – verhaltener Enthusiasmus Bahn: «Die Unterscheidung eröffnet aber zugleich auch unerhörte Möglichkeiten.» Drittens verbindet Vischer beides in einer für ihn typischen Fragekette: «Wie ist das Verhältnis zwischen Substanz und Aussage zu verstehen? Die meisten Bischöfe scheinen anzunehmen, dass sie sich zueinander verhalten wie der Körper zu seinem Gewand. Eine neue Formulierung ist nicht mehr als ein neues Gewand, das um denselben Körper gelegt wird. Identität und Kontinuität des Körpers werden dadurch nicht angetastet. Ist die Frage aber so einfach? Sind Substanz und Aussage nicht viel enger verbunden? (…) Werden durch einen neuen Ausdruck Identität und Kontinuität nicht weit mehr in Frage gestellt, als gemeinhin angenommen wird? (…)» Die Fragen hören nicht auf und münden – viertens – in einen für Vischer ebenfalls charakteristischen konstruktiven und hoffnungsvollen Ausblick: «Mir scheint, dass die Vorgänge des Konzils die römisch-katholische Theologie dazu nötigen werden, über das Problem der Kontinuität neu nachzudenken, und ich könnte mir denken, dass diese Überlegung zu neuen Möglichkeiten der Begegnung und des gegenseitigen Verständnisses führen wird.»
Michael Quisinsky (vgl. Lukas Vischer, Bericht über das 2. Vatikanische Konzil, in: Kirche in der Zeit. Evangelische Kirchenzeitung 18 (1963), 427-434, Zitate 430s.; vgl. auch A 2, 634 sowie Michael Quisinsky, The ecumenical dynamic of Vatican II – Lukas Vischer between Geneva and Rome, in: Cristianesimo nella storia 34 (2013), 273-314, 279-282).
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