Homo oeconomicus im Gottesdienst – wenn der Markt in der Kirche spielt

Der Homo oeconomicus ist eine Erfindung der Wirtschaftswissenschaft: Eine fiktive Person, die sich stets so verhält, dass sie ihren persönlichen Nutzen maxmiert. In seiner Reinform dürfte er den Sprung aus der Theorie in die Wirklichkeit nicht geschafft haben, dafür sind wir zu irrational – aber das Prinzip der Nutzenmaximierung lässt sich ziemlich oft auch in von der reinen Ökonomie unabhängigen Zusammenhängen beobachten. So besuchen auch religiöse Menschen bevorzugt Veranstaltungen, von denen sie sich einen grösseren Nutzen erhoffen – wo sie erwarten dürfen, dass sie sich wohlfühlen werden und etwas mitnehmen können, was ihnen weiterhilft. Das erklärt, warum der Dalai Lama bei seinem kürzlichen Besuch in Zürich mühelos das Grossmünster überfüllte, während bei meinen eigenen Angeboten die Resonanz doch deutlich bescheidener ausfällt. Da kann ich den NutzenmaximiererInnen keinen Vorwurf machen – der Lama bietet sicher das eindrücklichere Erlebnis.

Aber in der Kirche (ich vermute, auch in anderen Religionen) gibt es noch eine andere Idee. Nämlich die, dass religiöse Aktivitäten um ihrer selbst willen, genauer gesagt, um Gottes willen, getan werden – und deshalb ihren Wert unabhängig vom Nutzen für die Praktizierenden haben. So gesehen wäre das Gebet mit dem Dalai Lama für einen Buddhisten nicht besser, als eine beliebige Meditation zusammen mit ein paar Mitmenschen. Und für eine Katholikin wäre es irrelevant, ob sie den Sonntagsgottesdienst als bestärkende Glaubenserfahrung erlebt, oder als leere Veranstaltung, die sie innerlich kalt lässt.

Im Pfarreiblatt der Stadt Luzern steht bei den Einträgen für die Sonntagsgottesdienste jeweils dabei, wer den Gottesdienst gestaltet – in Winterthur fehlt diese Angabe. Das heisst, jemand, der auch einen weiteren Weg in Kauf nimmt, um einen Gottesdienst zu besuchen, der ihm gefällt, der bekommt in Luzern die nötigen Informationen – in Winterthur wird diese Art von Nutzenmaximierung nicht unterstützt. Vielleicht sind da die Verantwortlichen der Meinung, die Menschen sollten den Gottesdienst um Gottes willen besuchen, nicht um eine geistliche Wohlfühl-Erfahrung zu machen (vielleicht sind sich auch einfach gedankenlos).

Und ich stelle fest: Mir ist sehr wichtig, vorher zu wissen, wer einen Gottesdienst hält. Ich war schon oft in Situationen, wo ich einen guten Gottesdienst gebraucht habe, wo ich Zeitaufwand dafür in Kauf genommen habe, und wo diese Erfahrung mich dann wieder aufgestellt hat. Und ich möchte das anderen nicht verbieten. Bei aller Liebe zur «Nutzenunabhängigkeit» – mir gefällt die Vorstellung nicht, dass Menschen womöglich durch Nicht-Information dazu gebracht werden sollen, sich «besser» zu verhalten. Besser als ich selber in diesem Fall. Lassen wir den Markt hier doch auch in der Kirche spielen, die Menschen auswählen, wo sie grössere Hilfe für ihr Leben bekommen, oder sich einfach wohler fühlen!

Karin Reinmüller

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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