«Ich war in jugendlicher Unbefangenheit begeistert katholisch. Kirchlich-religiös habe ich mich sozusagen als gemütshaften Fundamentalisten in Erinnerung. Warum nicht? Vielleicht lag darin so etwas wie psychische Schubkraft für den weiteren Lebensweg.
Ich erlebte das Konzil während des Theologiestudiums von 1961-1967 in Chicago und in München auf televisionäre Distanz und Nähe als geistig spirituelles Abenteuer. Es verbanden sich damit auch subjektive Prozesse der eigenen Wegsuche in der persönlichen Lebensausrichtung (sagen wir: Berufungsgeschichte) bis hin zu Auseinandersetzungen mit theologischen und kirchlichen Fragen, vor allem auch mit der Gottesfrage. Es war kirchlich und subjektiv ein dynamischer Prozess des Aufbruchs aus einer dogmatischen Statik und spekulativen Orientierung. Und heute ist es mir nicht mehr möglich, den Gang des damaligen gleichsam objektiven Kirchengeschehens und den persönlich-subjektiven Lebensweg klar voneinander zu unterscheiden.
Bis zum Beginn unserer Studienzeit war die Kirche eine wohl behütete und Sicherheit garantierende Heimat, in der der Katechismus und der Klerus mit seinen Heilsmitteln entscheidend waren. Die Lebenspraxis war der Anwendungsort der lehramtlichen und disziplinären Doktrin. Kirche als Pfarrei war Heimat, gemütshaft, aber auch hausbacken. Zweifel und Fragen hatten öffentlich keine Chance. Und was in meiner Erfahrungswelt über Pfarrer und Bischof hinausging, empfand ich näher bei Gott als bei uns. Es war eine sakrale Welt. Und ich liebte sie. Als Papst Pius XII. starb, meinte ich fast, Gott selber sei gestorben.
Und dann ich erinnere mich sehr klar an ein einschneidendes Erlebnis, an mein ‹Turmerlebnis›, als mir in einer Kirche in Wien wie ein Blitz durch das Bewusstsein zuckte, dass das entscheidend Christliche nicht zuerst die Moral und religiöse Leistungen, sondern Glaube, Hoffnung und Liebe seien. Das hing wohl auch mit dem Konzilsgeschehen zusammen.»
(Leo Karrer)
Konzilsblogteam
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant