Gender: Hier irrt der Papst

Auch ein Papst kann nicht immer auf der Höhe der gesellschaftlichen Diskurse sein. Dies zeigt Papst Franziskus deutlich, wenn er über die Gender-Frage spricht. Wenn er zum Beispiel in Polen sich dazu äusserte, war offensichtlich, dass er von Gender nur eine karikaturhafte Vorstellung hat: «Heutzutage wird in den Schulen Kindern beigebracht – Kindern! – dass sich jeder sein Geschlecht frei aussuchen kann.» Damit werde versucht, den Gedanken zu vernichten, dass Gott Mann und Frau als seine Ebenbilder erschaffen habe.

Siehe Bericht

Kürzlich fand ich einen hilfreiche Zusammenfassung eines Schwerpunktbeitrags in der österreichischen Wochenzeitung «Die Furche» zum Thema. Dort wird die Frage nach der Definition von Gender präzis formuliert:

Handelt es sich um einen ideologischen Kampfbegriff mit dem Ziel, die natürliche Geschlechtlichkeit zu diskreditieren? Oder ist Gender ein tauglicher Begriff, um die faktische, individuell ausgestaltbare Vielfalt an Lebensformen und sexuellen Orientierungen auch in kirchliche und theologische Debatten einzuführen und damit der Kirche ‹Realitätssinn› zu geben?»

Die Autoren zeigen, wie tief die Gräben bei Verständnis und Interpretation des Begriffs auch innerkirchlich sind. (Im Folgenden die Zusammenfassung der Debatte in einem Beitrag der «Furche»:
So deutet die Grazer Religionswissenschaftlerin Theresia Heimerl in ihrem Essay «Wie hältst du’s mit der Postmoderne?» die Gender-Debatte vor allem als Ausdruck des Verlustes gesellschaftlicher Gewissheiten: «Was an Gender wirklich Angst macht: Der Verlust einer Ordnung». Wer auf der Eindeutigkeit von Geschlechterrollen beharre und Gender verteufle, der sorge sich offenbar vor dem Verlust der «letzten und vor allem intimsten Ordnung», so die Theologin. Dies treffe auch auf entsprechende Passagen im Papst-Dokument «Amoris laetitia» zu, die von einer «Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit klarer Grenzen und begrenzter Horizonte» zeugen.
Dabei lehre bereits ein kursorischer Blick in die Religions- und Kulturgeschichte, dass die heute von manch innerkirchlicher Stimme so beharrlich Intonierte Verteufelung von Gender geschichtlich keineswegs eindeutig gedeckt ist. «Geschlecht ist gerade im Christentum eine äußerst ambivalente Kategorie» – sowohl im Blick auf die Geschlechterrollen als auch im Blick auf die vermeintliche «Natürlichkeit des geschlechtlichen Körpers», so Heimerl.» (…)
Religion könne daher immer beides, betont die Religionswissenschaftlerin: Sie kann die Geschlechterrollen fast schon sakrosankt übersteigern; sie kann aber dazu beitragen, diese Erstarrung im Rollenverständnis aufzubrechen und «alternative, neue Erzählungen anbieten». In diesem Kontext sei auch die umstrittene Autorin Judith Butler zu sehen, der es genau um jene «Irritation der Uneindeutigkeit des scheinbar Eindeutigen» gegangen sei. Insofern sei die Gender-Frage für die katholische Kirche offenbar heute eine Art «Gretchenfrage nach dem Umgang mit der Postmoderne» – oder katholische gesprochen: mit den «Zeichen der Zeit».
Deutlich sichtbar wurden die von Heimerl angedeuteten Gräben dann in einem Streitgespräch zwischen der Salzburger Moraltheologin Angelika Walser und der Juristin und Wiener ÖVP-Landtagsabgewordneten Gudrun Kugler. Kugler kritisierte dabei, dass eine «Dekonstruktion der Geschlechterrollen», wie sie die Gender-Debatte insinuiere, keine Hilfe sei im Alltag der Menschen. Dieser Alltag sei weiterhin von klaren Wertvorstellungen und dem Wunsch nach Familie geprägt. Sie wünsche sich daher sowohl vom Religionsunterricht als auch von der Moraltheologie «eine Hilfestellung, das hohe Ideal von Liebe und Familie zu erreichen».
Walser hingegen verteidigte den Gender-Begriff als notwendige Kategorie in der theologischen Ethik: Es gehe darum, «die Starrheit der Konzepte zu überwinden», ohne bestehende biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern einfach zu negieren: «Nicht die Unterschiedlichkeit ist das Problem, sondern die Fixierung auf eine Ordnung, die ‘Mannsein’ und ‘Frausein’ festschreibt. Durch diese Fixierung werden Hierarchien produziert und jedes Dazwischen ausgeschlossen», so Walser.

So weit die «Furche». Die Diskussion geht weiter. Dazu aus einem neuesten Bericht von www.kath.ch über: 25 Jahre «Interessengemeinschaft Feministische Theologinnen»:

Ein weiteres Schwerpunktthema ist der kirchliche «Anti-Genderismus». Wir planen gemeinsam mit dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund und anderen Organisationen die Herausgabe einer Broschüre zum Thema «Gender», welche sich an kirchliche Kreise richtet und aufzeigen will, was «Gender» wirklich meint. Ein Comic soll zum Lesen der Broschüre animieren. Dazu werden auf einer Website vertiefende Texte publiziert.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/gender-hier-irrt-der-papst/