1966 publizierten Karl Rahner und Herbert Vorgrimler ihr «Kleines Konzilskompendium» – sämtliche Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils auf Deutsch mit einer Einleitung und Einführungen zu den Einzeltexten. Die Herausgeber sahen wohl nicht voraus, dass der dicke Band (775 Seiten) in Taschenbuchformat einer der erfolgreichste theologische Best- und Longseller in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde – bis 2008 35 Auflagen mit über 220 000 Exemplaren (übertroffen nur von Dietrich Bonhoeffers «Widerstand und Ergebung»!).
Ich selbst verdanke die Kenntnis dieses Buches meinem katholischen Kollegen an der Kantonsschule Sargans, dem Salettinerpater Giulio Haas. Ich lernte ihn 1970 kennen. Landauf und -ab hielte er Vorträge über das Konzil, in dem er so etwas wie ein Heilsereignis sah. Seit dem Konzil war für ihn in seiner Kirche «alles» anders. Das «Kleine Konzilskompendium» war sein ständiger Begleiter. Er las es rückwärts und vorwärts. Vieles unterstrich er gerade oder gewellt, zum Teil farbig. Schon bald war der Band völlig zerlesen. Der Buchrücken ging verloren. Der Einband löste sich. Einzelne Seiten fielen heraus. Pater Haas entschloss sich, ein neues Exemplar zu kaufen. Das alte wollte er wegwerfen. Aber ich bat ihn, es mir zu überlassen. So gelangte die Buchruine in meine Bibliothek. Vergilbtes Papier, Kaffeeflecken, Tintenkleckse. Da mein Kollege ein starker Raucher war, ging ein intensiver Tabakgeruch von den Seiten aus.
Während Jahren habe ich das Buch als Nachschlagewerk benutzt, mich von den Unterstreichungen meines Kollegen leiten lassen, bis denn auch ich ein neues kaufte. Gerade in seinem von aussen gesehen kläglichen Zustand war es für mich ein Denkmal für die Begeisterung vieler in der ersten Zeit nach dem Konzil. Man fühlte sich befreit und schöpfte Hoffnung.
(Frank Jehle)
Konzilsblogteam
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