02) Johannes 3.13-17 / ein zweiter Erkenntnis-Sprung
Johannes laesst im nikodemischen Gespraech ankuendigen «Der anwesende Menschen-Sohn muss erhoeht werden» (so wie Moses in der Wueste die Schlange erhoeht hat).
Waehrend Gott im Exodus nicht als entzogen sondern als praesent erschien, wird nun am erhoehten Kreuz die Gott-Entzogenheit geoffenbart.
03) Das erhoehte Kreuz / der erhoehte JvN: Die Verheissung (Joh 3) wird erfuellt.
A. ANSCHAUEN
Fuer getaufte kath. Christen war es lange zur Regel geworden stets einen Blick auf das Kreuz zu werfen, zum Kreuz hinaufzuschauen. cf. Die Kreuzweg-Andachten, Karfreitags-Liturgie… Der Aufruf: «ecce signum crucis.» Das christliche Volk hatte einst erkannt, dass es gesuendigt hat gegen Gott und die Welt, also toedlich verwundet war… es suchte Vergebung und Heil. Bis heute stellt die Kirche das Kreuz auf als «Zeichen des Heils». In diesem Zeichen wirst du leben… Die Anschauung des Kreuzes bewirkt vieles… Im Blick auf den elendiglich Gestorbenen kann Mitleid entstehen, Solidaritaet. Und wenn es gar heisst: er sei fuer Dich gestorben (fuer deine Suenden), dann kann Dankbarkeit aufkommen. Noch heute betet das christliche Volk oeffentlich «erloese uns von dem Uebel» (Vater-Unser-Gebet). Wenn es heisst: Ich mit meinen Suenden sei gar Schuld an seinem schrecklichen Tod – dann koennen Schuldgefuehle entstehen und die Werke der Schuld-Vergebungs-Bitte moegen einsetzen… Vielen ist das Kreuz auch ein Stein des Anstosses geworden; einige empfinden es als zu schrecklich, stoerend in der Oeffentlichkeit… Fuer viele Theologen ist nicht mehr das Boese am Pfahl sondern der, der die Schuld aller auf sich geladen hat, der stellvertretende Suendenbock; das Lamm Gottes. Vor allem aber gilt: Im Anschauen wird der Angeschaute vergegenwaertigt.
Nun waere eine kunsthistorische Interpretation aller Kreuz-Darstellungen faellig…
B) HIN-HOEREN
Neben dem Aufschauen zum Kreuz wird durch die Evangelien noch mehr das Hinhoeren animiert. Wer es wagt gut hinzuhoeren, vernimmt eine eigenartige unerhoerte Botschaft; wichtiger denn je fuer heute.
Bei Markus stirbt Jesus mit der Frage: «Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Ist es die Fragge eines fast Verzweifelnden? Ist es ihm ernst mit der Frage? Wie soll ich diese Frage im Munde Jesu verstehen? Will Markus sagen, dass JvN erkannt hat, dass der treue Jahwe-Gott ihm tatsaechlich entzogen ist? Jesus ist gott-los gestorben? Seit wann hat der JvN solche Emotionen und solche Erkenntnis, dass er vom geglaubten Gott seines Volkes sich als verlassen vorkommt? Ich meine, die Kirche hat bis heute diese Erkenntnis-Botschaft zwar vernommen aber nicht ernst genommen. Einen Gott-verlassenen Jesus zu verkuenden, das geht ueber ihre Begrifflichkeit. Vom Ev-Johannes weiss die Kirche: Gott und Jesus sind eins – und nun stirbt er gott-verlassen. So ein Widerspruch ist zu abgrundtief um ihn den Glaubenden zuzumuten. Hier ist ein Ort wo die Kirche bisher wisperte: nehmt diese Worte nicht zu ernst, nicht woertlich. Die Kirche meint: kein Mensch, schon gar nicht JvN ist in Wirklichkeit gott-verlassen. Aber als Factum: Menschen erfahren sich als gott-verlassen, gott-verloren so sehr dass man Gott nicht einmal mehr toeten kann, er ist zu weit entfernt, verschwunden, verdunstet, keine Wirklichkeit mehr. Er ist einfach ohnehin weg – entzogen. Da ist Nietsches Wort «Gott ist tot» noch viel ertraeglicher: Ein alter Gott von einst ist nicht mehr… Was faengt nun die Kirche an mit der alten Botschaft: Jesus sei gott-verlassen gestorben? Und mit der neueren Botschaft «Gott ist tot»? Ausblenden scheint die Loesung fast bis heute.
Hans Leu
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant