Vor 30 Jahren traf die Journalistin Krista Fleischmann den Schriftsteller Thomas Bernhard auf Mallorca. Dabei enstand das einmalige TV-Dokument «Die Ursache bin ich selbst».
Bis zu seinem Tod 1989 hat Thomas Bernhard annähernd 30 Prosawerke und 20 Theaterstücke verfasst. Das erste Schauspiel, Ein Fest für Boris, 1970 in Hamburg von Claus Peymann aufgeführt, versammelt 13 beinlose Krüppel in Rollstühlen an einem Geburtstagstisch, sinnierend über das Krüppeldasein in einer nur von den Krüppeln erfassbaren Krüppelwelt, über welche bald «die Finsternis» kommt, «die Düsternis», beziehungsweise «helle, grosse Köpfe in der Finsternis – ihr müsst euch vorstellen: helle, grosse Köpfe in der Finsternis». Das Stück lässt einem keine Wahl und ist, wie alles von Bernhard, gegen den Wunsch konstruiert, als Betrachter unbehelligt zu bleiben, sich einzurichten im Unterhaltsamen oder Erhabenen.
Alpen-Beckett, Verzweiflungs-Virtuose, Erfinder vom Hass-Kitsch: in der Literatur über Bernhard mangelt es nicht an Zuordnungen. Oft wird er als existenzmüder Menschenfeind verstanden, weniger als Geistesmensch oder Grenzgänger, der fassungslos am Rand der Gesellschaft steht. Und sich immer wieder abgrenzen muss gegen die Spiesser, die er so gerne beschimpft: vom Stumpfsinn und von der Niedertracht beherrschte «Kleingeister, die nicht einmal Ungeister» sind, und die das Schöpferische verachten, weil in ihren kleinen Köpfen nur Platz ist für gewisse «Charterflug-Sehnsüchte».
Thomas Bernhard hat Literatur und Theater nicht einfach als Psycho-Couch verstanden, auch nicht als souverän bepinselte Leinwand, mit der man die eigene Welt zeichnet. Ihm war das Theater nicht Schauspiel als Weltkommentar, sondern letztlich eine Metapher der menschlichen Existenz selbst. Theater als Nachvollzug des Daseins, mit dem sich – unter Einsatz einer hoch musikalischen, beinahe liturgisch eingesetzten Sprache – die Frage durchexerzieren liess, was es eigentlich heisst, als geistiges Wesen auf der Welt zu sein und sprechen, handeln, denken zu müssen.
Vor diesem Hintergrund kann man auch Bernhards Worte von 1970 lesen, zur Verleihung des Büchner-Preises. Worte, die weniger auf das Theater als künstliche Inszenierung zielen (oder auf das Dasein als Theater), sondern auf das, was wir immer schon sind, sobald wir uns als Teil einer grossen, realen Lebensbühne begreifen: «Wir sagen, wir geben eine Theatervorstellung, prolongiert ohne Zweifel in die Unendlichkeit. Aber das Theater, in welchem wir auf alles gefaßt und in nichts kompetent sind, ist, seit wir denken können, immer ein solches der sich vergrößernden Geschwindigkeit und der verpaßten Stichwörter. Es ist absolut ein Theater der Körper, in zweiter Linie der Geistesangst und also der Todesangst. Wir wissen nicht, handelt es sich um die Tragödie um der Komödie, oder um die Komödie um der Tragödie willen. Aber alles handelt von Fürchterlichkeit, von Erbärmlichkeit, von Unzurechnungsfähigkeit. Wir denken, verschweigen aber. Wer denkt, löst auf, hebt auf, demoliert, zersetzt, denn Denken ist folgerichtig die konsequente Auflösung aller Begriffe. Wir sind, und das ist die Geschichte, und das ist der Geisteszustand der Geschichte, die Angst: wir sind die Körper- und Geistesangst, die Todesangst als das Schöpferische.»
Giuseppe Gracia
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant