Zeichen der Zeit – heute wie damals zwischen Hoffen und Bangen

Kirchenamtliche Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Fragen haben häufig eines gemeinsam: es herrscht ein defensiver Ton vor. Kulturpessimismus und der Hinweis auf Unzulänglichkeiten und mögliche Gefahren prägen viele Beiträge. Bei den Konzilsvätern vermutet man gemeinhin das Gegenteil. Sie seien von der Mentalität der 1960er Jahre geprägt gewesen. Darum seien sie (zu) optimistisch gewesen, etwa mit Blick auf die Möglichkeit, eine humanere Weltgesellschaft zu verwirklichen. In der Tat traute das Konzil der Kirche zu, zusammen mit allen Menschen guten Willens zur Wohlfahrt und Einheit der Menschheitsfamilie beitragen zu können. Mit Blick auf die eigene Zeit war man aber nicht naiv.
Insbesondere in Gaudium et spes fällt durchgängig eine Pendelbewegung zwischen «zwar» und «jedoch» auf. In den Zeichen der Zeit werden also einerseits die Potentiale identifiziert, die zur Hoffnung Anlass geben und an die man anknüpfen wollte. Andererseits war das Konzil nicht unkritisch. Die jeweilige Kehrseite bleibt immer mit im Blick. So spricht etwa GS 47 mit Hochachtung von allem, was die Gemeinschaft von Ehe und Familie fördert und zu ihrem tieferen Verständnis beiträgt, ohne die Benennung konkreter Defizite zu vergessen.
Wenn die Kirchenleitung sich heute der Zeichen der Zeit vergewissert, wird sie neue Themen und Herausforderungen benennen. In der Nachfolge des Konzils sollte diese Vergewisserung aber ein Pendeln zwischen zwar und jedoch auszeichnen – zwischen Wertschätzung dessen, was bereits gut ist, und begründeter, manchmal auch prophetischer Kritik.
(Stefan Gärtner)

Konzilsblogteam

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