Müssen wir unsern ganzen Besitz aufgeben?

Wir alle haben es schon unzählige Male erlebt. Vor den Wahlen wird uns das Paradies auf Erden versprochen. Jede Partei verspricht, alles zu tun, damit es allen besser geht, wenn wir sie wählen. Es fällt oft schwer, sich vorzustellen, dass man selber glaubt, was man da verspricht: zum Beispiel mehr staatliche Leistungen wie bessere Strassen, die beste Armee der Welt usw. und gleichzeitig weniger Steuern.

So gesehen wäre Jesus ein ganz schlechter Wahlkämpfer. Dies zeigt uns das Evangelium vom Sonntag, 4. September. Jesus will zwar, dass viele sich ihm anschliessen – in der Sprache der Bibel: dass sie ihm nachfolgen. Aber er macht keine schönen Versprechungen. Im Gegenteil: Wer ihm nachfolgt, muss auf lieb gewonnene menschliche Beziehungen verzichten, ja sogar sein Kreuz auf sich nehmen. Und was den meisten ganz schwer fällt: auf seinen Besitz verzichten.

Ich möchte nun von einem Schweizer erzählen, der die Weisungen Jesu ernst, ja sehr ernst genommen hat. Es ist Bruder Klaus, dessen 600. Geburtstag wir nächstes Jahr feiern. Er hörte in sich den Ruf: «Brechen mit der Welt und allem, was in ihr ist.»  Er fühlte sich berufen, sich von seiner Frau, seinen zahlreichen Kindern, seinem Haus und  seiner Heimat zu trennen. Im Jahr 1467 war es so weit. Die historischen Quellen berichten, dass er Abschied nahm «von allem, was ihm köstlich, wert und lieb war».

Kehren wir zurück zum Evangelium. Wenn wir nicht so grosse Heilige sind wie Bruder Klaus, finden wir es wohl als eine Zumutung. Es ist sehr radikal. Und Radikalität liegt uns Durchschnittsmenschen überhaupt nicht.

Es stellt sich hier die grundsätzliche Frage, wie wir hier und heute mit den radikalen Weisungen Jesu umgehen. Zwei Extreme müssen wir dabei verhindern:

Ich beschränke mich darauf, mit Ihnen unter diesem Gesichtspunkt den letzten Satz des heutigen Evangeliums anzuschauen: «Keiner von euch, der nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet, kann mein Jünger/meine Jüngerin sein.»

In Wirklichkeit hatte Jesus Menschen, die ihm nahe waren, ihm nachfolgten, ohne auf den ganzen Besitz zu verzichten. Denken wir an seine Freunde in Bethanien: Lazarus, Maria und Martha. Weiter berichten die Evangelium von reichen Frauen, die ihm auf den Weg der Nachfolge waren und – wie es heisst – «ihm mit ihrem Besitz dienten». Modern gesagt: Sie waren seine Sponsorinnen, ohne ihr Bankkonto aufzulösen.

Wir sehen: Wir brauchen Jesu Botschaft nicht wortwörtlich zu nehmen. Doch wir dürfen sie wie gesagt auch nicht verwässern. Was könnte das heissen?

Ich denke, der bekannte Psychologie Erich Fromm kann uns eine erste Antwort geben mit seinem Buch «Haben oder sein». Er zeigt, dass der Wert des Menschen nicht von dem abhängt, was er hat, sondern was er ist. Oder banal ausgedrückt: Das Herz ist entscheidend, nicht der Besitz.

Eine zweite Antwort gibt uns der alttestamentliche Hiob mit seinem berühmten Wort: «Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen. Gelobt sei der Name des Herrn.» Das heisst: Wir dürfen unser Herz nicht an den Besitz hängen. Es gilt, Distanz zu ihm zu bewahren.

Weniger dramatisch drückt dies das Märchen vom Hans im Glück aus. Hanses Besitz bestand am Anfang aus einem Goldklumpen so gross wie sein Kopf. Nach und nach tauscht er das, was er hat, gegen Minderwertiges aus. Am Schluss besitzt er nichts mehr. Das Märchen der Brüder Grimm endet mit den Worten:

»So glücklich wie ich«, rief er aus, »gibt es keinen Menschen unter der Sonne.« Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war.

Ich behaupte: Hans im Glück wäre der ideale Nachfolger Jesu gewesen.

Elisabethenheim Luzern: Sa, 16.30; Stans: Kloster St. Klara So 9.30, Pflegeheim Nägeligasse 10.40

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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