Der religioese Christ hat gelernt: wie Gott ist, was ER will und was ER tut. Die Bibel hat er gut studiert, im RU war er aufmerksam und die Geschichte der christlichen Theologie ist ihm irgendwie bekannt. Das ihm zugespielte, angelernte Bild Gottes hat er internalisiert. Falls er wirklich religioes ist, hat er sich persoenlich fuer ein Bild Gottes entschieden – sei es fuer den alttestamentlichen Jahwe-Gott, sei es fuer den neutesta- mentlichen Gott der Liebe, sei es fuer den modernen Gott der Bamherzigkeit; vielleicht hat er – achtsam auf sein Welt-Bild – Gott als Ermoeglichungsgrund der all-kosmischen Energie, gar als Grund des Seins erkannt. Gemaess seinem Gottes-Bild betet er und er anerkennt das Wirken Gottes – auch wenn er die sog. Wunder skeptisch beurteilt. Er weiss, Gott ist einzig, sogar etwas eifersuechtig – denn mehrere Goetter zu haben ist nicht gesund. Der religioese Christ von heute toleriert die «fremden Goetter», aber eigentlich waere es besser fuer die Menschheit, sie koennte sich auf einen einzigen Gott einigen – doch, das braucht Zeit. Sein Gott der Liebe ist ihm – wenigstens theoretisch – all und eins und er weiss: arm, gehorsam. keusch ist das Ideal des religioesen Lebens-Stils. Da er dieses Ideal eher selten erreicht, bekennt er sich als Suender, hofft auf Verzeihung, bittet Gott sich als maechtig zu erweisen, eventuell zu intervenieren – Denn Gott hat selbst gesagt: dass seine Schoepfung eigentlich gut ist – und ER moechte sie und sich gewiss als gut und schoen offenbaren. Der religioese Christ ist dazu bereit, sich fuer diese Offenbarung einzusetzen – darin ist ihm Jesus von Nazareth und die Heiligen ermunterndes Vorbild. Der religioese Christ hat keine leise Ahnung von Gott – sondern er ist ueberzeugt gebildet und kennt die Absicht Gottes ziemlich genau – Gott ist ihm irgendwie vertraut. Er weiss sogar, dass die Religionen Gott manipulieren, teilweise missbrauchen – aber das sind suendhafte Fehl-Entwicklungen – trotzdem gesteht er ein: er braucht Gott; ohne Gott – das geht nicht.
Der saeakulare Christ kennt den religioesen Christen, achtet seine strenge klare deutliche Gottes-Beziehung – aber: der saekulare Christ kann damit nichts mehr anfangen. Die Mythen und grossen Erzaehlungen ueber Gott sind fuer ihn fantastische Kunst-Werke;
die religioesen Praktiken oft Lebenshilfe – sie geben Geborgenheit, Trost und Kraft im Leid und haben hervorragende Menschen gepraegt. Fuer den saekularen Christen ist das alles Vergangenheit. Es ist das alles nicht falsch – schon seit 1215 (Laterankonzil). Fuer den saekularen Christen hat JvN versucht, das Rad umzudrehen – nicht Gott ist wichtig sondern die Welt, die Menschen, Natur und Kosmos. Er weiss: Es gibt Gott; aber er kennt IHN nicht mehr; er hat eine leise Ahnung davon, dass Gott das heilige Geheimnis-Ereignis des Menschen und des Kosmos darstellt – und darum hat sich Jesus der Weltsituation (hic + nunc) angenommen – bis zur Erkenntnis, dass der ihm bekannte Jahwe-Gott auch ihn verlassen hat. Seither sind Menschen miteinander und fuereinander «Brot des Lebens und Wein der Freude». Fuer den saekularen Christen ist Theologie eine Geschichts-Erzaehlung ueber die Faehigkeit des Menschen sich Gott vorzustellen, seine Vorstellung zu glauben und zu ehren und zur Wirkung kommen zu lassen. Aber mit dem eingentlichen Geheimnis-Ereignis hat das wenig zu tun. Gott ist – wenn’s gut geht – um der Menschen willen da. JvN ist nicht Brot fuer Gott sondern fuer die Menschen; fuer das Leben der Welt. Die Menschen duerfen ihre Vorstellungen von Gott achten… aber das «liebet einander» ist fue die Menschen angeraten und erloest die Menschen, nicht Gott. Einsatz fuer das Leben der Welt im Namen Jesu, weil die Menschen besser und schoener sein koennten – das ist saekulares Christentum. Und nachdem sie sich entschieden haben Brot und Wein, der Leib Christi zu sein, fuer das Leben der Welt – deswegen kommen sie zusammen und spielen «Welt-Synode», um miteinander und fuereinander zu beraten, welche Wege in die Fuelle des Lebens fuer alle gebaut werden muessten. Der saekulare Christ empfindet sich als Senfkorn, ausgestreut in fruchtbare Erde – die Ernte ist ihm ein Geheimnis-Ereignis, wovon er kaum eine leise Ahnung hat, eingtaucht in einen unwider- stehlichen Glanz.
Hans Leu
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant