Aus Leidenschaft für Film und Literatur empfinde ich es als meine Pflicht, endlich einmal auf die unterschätzte TV-Serie «Bloodline» aufmerksam zu machen. Für mich etwas vom Besten, seit Unternehmen wie Netflix oder HBO das Fernsehen aus dem Massenwaren-Qualitätskoma geholt haben.
Im März 2015 wurde «Bloodline» von Netflix per Streaming veröffentlicht und ist mit zwei Staffeln auch auf dem DVD-Markt erhältlich. Die Handlung (ohne Spoiler): Die Familie Rayburn betreibt seit 45 Jahren ein kleines Hotel auf den Florida Keys. Als der älteste Sohn Danny zurückkehrt, brechen Kartenhäuser zusammen.
In «Bloodline» sind die Figuren von einer literarisch-romanhaften Komplexität. Erzählerisch bewegen sich die Autoren clever auf der Zeitachse hin- und her, mit eingestreuten Ausschnitten aus der Zukunft, in denen bereits Endpunkte der Geschichte aufflackern. Deswegen ist trotz der langen Laufzeit alles sehr dicht. Die Spannung entwickelt sich ganz aus dem Zwischenmenschlichen. Die Serie ist nichts für Fans von wachrüttelnden Plot-Twists oder Action. Es geht um Menschen. Gefilmt wurde vor einer wunderbaren Florida-Urlaubs-Kulisse, in der die Aussenwelt aussieht wie ein paradiesischer Kontrast zum seelischen Unwetter, das über die Rayburns hereinbricht. «Bitte verurteilen Sie uns nicht,» so das Motto. «Wir sind keine bösen Menschen, aber wir haben etwas Böses getan.» Was dieses Böse ist, wird über die ersten beiden Staffeln in einem einzigen narrativen Bogen ausgerollt. Dabei bietet Ben Mendelsohn als Danny, Hauptfigur und schwarzes Schaf, eine fantastische Performance. Er zeigt uns einen liebenswert-abgründigen, immer zugleich angeschlagenen wie kraftvollen, charismatisch wie tragischen Menschen. Auch Kyle Chandler als jüngerer Bruder John und Linda Cardelli als Schwester Meg sind hervorragend, ebenso Norbert But als Kevin, der dritte Bruder, der sich mit seiner Alkohol- und Kokainsucht auf der Verliererstrasse bewegt und mitreissende Selbstrettungsversuche unternimmt. Ganz zu schweigen von Sissy Spacek und Sam Shepard als Familienoberhäupter.
Was die Serie so grossartig macht, sind die tieferen Schichten. Man kann die Story (wieder ohne Spoiler) als neue Version der Geschichte vom verlorenen Sohn sehen. Nur ist der Vater in dieser Serie nicht barmherzig. Überhaupt wird gezeigt, was mit einer Familie geschieht, wenn Akte der Reue und Bahrmherzigkeit ausbleiben. Ausserdem wird gezeigt, wie eine innerfamiliäre Erbsünde durch Lüge und Selbstbetrug immer neue Schuld hervorbringt. Je länger die Beteiligten nicht um Verzeihung bitten und sich nicht dem Herzen des Anderen ausliefern, desto grösser die Schuldverstrickung. «Wir sind keine bösen Menschen, aber wir haben etwas Böses getan.» Bekanntlich unterscheidet das Christentum zwischen Sünde und Sünder. Damit wird gesagt: der Mensch ist mehr als seine Taten. Genau daran erinnert «Bloodline» in moderner Form.
https://www.youtube.com/watch?v=tRnS8FkcXNk
Giuseppe Gracia
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant