Ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Viele Menschen haben ein neues Hobby. Sie stürzen sich auf schlimme Sätze, die im Koran stehen; etwa auf die Aufforderung Mohammeds, «die Ungläubigen zu töten». Und sie werden nicht müde, in zahlreichen Leserbriefen solche Stellen aus dem heiligen Buch der Muslime zu verbreiten.
Sie haben dieses Buch zwar noch nie in den Händen gehabt. Sonst wüssten sie, dass es dort viele, viele andere Stellen gibt, die nicht von Hass, sondern von Liebe und Barmherzigkeit sprechen. Ja, Allah, der Gott der Muslime, ist für diese der «Allerbarmer» – ein Titel, der unzählige Male wiederholt wird.
Nun, ich möchte hier nicht eine Predigt über den Islam halten. Worauf es mir ankommt ist: Seien wir vorsichtig, in heiligen Büchern nur einzelne Sätze heraus zu picken, ohne den Zusammenhang zu sehen. Damit sind wir endlich beim heutigen Evangelium. Dort stehen die erstaunlichen Sätze Jesu: «Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, ich sage euch: Ich bin gekommen, um Spaltung zu bringen.»
Seien wir ehrlich: Wie würden wir reagieren, wenn Muslime sich vor allem auf solche Sätze stürzen würden? Wenn sie uns anklagten: «Seht, ihr Christen verabscheut den Frieden. Ihr wollt nur Krieg.»
Ja, dann würden wir einwenden: «Halt! Seht ihr nicht, dass der Kern der Botschaft Jesu ganz anders lautet: Jesus preist die Friedensstifter selig, die Gewaltlosen, die Friedfertigen.» Und schaut vor allem auch auf den Zusammenhang, in dem die vorhin zitierten Sätze stehen.
Ich versuche nun, dies zusammen mit Ihnen zu tun.
Die Sätze über Frieden und Spaltung stehen sozusagen in einer «Brandrede». Als solche bezeichnet man feurige Rede, die zu begeistern vermochte.
Um Begeisterung geht es Jesus auch im heutigen Evangelium, wenn er einleitend sagt: «Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Und wie froh wäre ich, wenn es brennen würde.»
Sie erinnern sich sicher: Auch an Pfingsten geht es um Feuer. An diesem Fest, welches als die Geburtsstunde der Kirche gilt, kam der Heilige Geist in feurigen Zungen auf die Gemeinde Jesu herab.
Dieses Feuer weckte eben in den Jüngern und Jüngerinnen eine riesige Begeisterung für die Sache Jesu. Sie waren bereit, seine Botschaft bis an die Enden der damaligen Welt hinauszutragen. Und alle Apostel, mit Ausnahme von Johannes wurden wegen der Verkündigung der Botschaft Jesu verfolgt und ermordet.
An den meisten Orten, an denen das Evangelium verkündet wurde, kam es zu heftigen internen Auseinandersetzungen, eben zu Spaltungen und zu Streit. Die einen glaubten an das, was von Jesus gesagt wurde; die andern taten es als Aberglauben ab.
Ich muss nun noch etwas klarstellen: Bei den genannten Streitereien und Spaltungen geht es nicht in erster Linie um dogmatische Fragen; wenigstens heute nicht. Es geht weniger um die wahre Lehre als um die christliche Praxis.
Ich muss hier nur das eine Stichwort erwähnen: Flüchtlinge. Wie wird da gestritten, wie man ihnen begegnen solle! Die einen appellieren an christliche Nächstenliebe, die andern an nationale Interessen. Wer sich für internationale Politik interessiert, kennt wohl die Spannungen, die diesbezüglich zum Beispiel in der deutschen Christenpartei herrschen. Gerade heute kam der Vorschlag, ein Teil der Christen-Union einen Konkurrenten gegen die Bundeskanzlerin aufstellen möchte.
Ich komme bald zum Schluss und zitiere nochmals den Satz Jesu: «Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Und wie froh wäre ich, wenn es brennen würde.»
Dieses Feuer ist das Feuer der Liebe. Diese Liebe steht im Zentrum der Botschaft Jesu. Sie ist keineswegs belanglose Gefühlsduselei. Liebe ist etwas Handfestes. Sie kann uns im Alltag verbinden – oder, wie Jesus vorausgesagt hat: Sie kann auch trennen, zu Spaltungen führen. Die Flüchtlingsfrage ist nur ein Beispiel. In unzähligen Menschen hat sie das Feuer der Liebe und Hilfsbereitschaft entfacht. Daneben aber gibt es mit der Auffassung von Papst Franziskus eine «Globalisierung der Gleichgültigkeit».
Und ganz zum Schluss zitiere ich den antiken Kirchenschriftsteller Origines, der Jesus ein Wort in den Mund legt, das sehr gut zeigt, was dieser mit dem heutigen Evangelium meint: «Wer mir nahe ist, ist nahe beim Feuer. Wer fern von mir ist, ist fern vom Reich Gottes.»
Predigt in Buchrain: Sa 18.30, So 10.00
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant