«Sehr geehrter Bischof von Rom. Wir sind von tiefer Sorge bewegt, dass unsere Glaubensgemeinschaft, der wir uns ganz verbunden fühlen, ohne tiefgreifende Reformen weitere gravierende Verlusten an Mitgliedern, aber auch an Vertrauenswürdigkeit, Bedeutung und Ansehen erleiden müsste!»
So beginnt der Brief, den die Hauptverantwortlichen von drei österreichischen Bewegungen zur Kirchenreform Papst Franziskus geschrieben haben. Es sind dies Wir sind Kirche, Plattform für die Priester ohne Amt, Laien-Initiative.
Ich dokumentiere hier den Text (leicht gekürzt). Und entschuldige mich dafür, dass hier im Blog in letzter Zeit von mir so wenig über die Kirchenreform zu lesen war ….
«Die Kirche ist schon jetzt in den am weitesten fortgeschrittenen Staaten gesellschaftlich marginalisiert und wird voraussichtlich in den sich entwickelnden Länder Lateinamerikas, Afrikas, Asiens und Ozeaniens in die gleiche Situation geraten. Daher bemühen wir uns seit Jahren, Reformen unserer Kirche auf wohlbegründete Wei-se einzumahnen. Bei diesem Ruf nach einer überfällig gewordenen Erneuerung werden wir von zahlreichen Mitgliedern der Kirche, aber auch von vielen Menschen unterstützt, die sich enttäuscht abgewandt haben, denen aber eine zeitgemäße Kirche ein großes Anliegen wäre!
Als wesentliche Ursache der bereits eingetretenen und sich weiter ausbreitenden Kirchenkrise erblicken wir einen auch von Ihnen mehrfach beklagten Klerikalismus, der die ursprüngliche Lehre Jesu Christi auf unerträgliche Weise zurückgedrängt hat. Ihre Vorgänger im Petrusdienst, welche die mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstandenen Chancen nicht sehen und noch weniger ergreifen wollten, haben dazu leider ganz wesentlich beigetragen. Sie haben sich uneinsichtigen und weltfremden konservativen Kräften anvertraut, welche das Rad der Kirchengeschichte in die Zeit vor dem Konzil zurückdrehen wollten und dies immer noch versuchen. Der Schaden für die Kirche ist enorm.
Mit Ihrem Amtsverständnis hat sich diese beklagenswerte Situation nicht nur in unseren Augen, sondern in denen der gesamten Öffentlichkeit wesentlich geändert. Ihre beeindruckenden und so glaubwürdigen Worte und Handlungen lösen große Hoffnung aus. Wir unterstützen Ihre Bestrebungen, die sich sehr wohltuend vom bisher Wahrzunehmenden unterscheiden, aus ganzem Herzen. Wir setzen Vertrauen in Sie als einen erfahrenen und menschennahen Seelsorger. Wir verstehen aber auch, dass ihrem Handeln im Petrusdienst Grenzen gesetzt sind und Hindernisse entgegenstehen, ebenso auch, dass Sie mit aller Klugheit vorgehen wollen. Dennoch machen uns zwei Umstände besorgt.
Der eine wurde bereits erwähnt, es ist die nach wie vor bestehende und mit einer wahren christlichen Haltung keineswegs vereinbare Verweigerung des Dialogs mit den Reformkräften. Schwere historische Fehler, die der Kirche immer wieder gewaltigen Schaden zufügten, werden wieder-holt. Wir bitten Sie in aller Form und mit allem gebotenen Nachdruck, diesen unbegreiflichen Fehler zu beenden! Mit Genugtuung haben wir erfahren, dass Sie sich allen Menschen jedes Standes zuzuwenden bereit sind, vor allem auch ihnen zuzuhören. Gibt es einen verständlichen Grund, dies jenen zu verweigern, die um ihre Kirche besorgt sind und es als Gewissenspflicht verstehen, das auch deutlich zum Ausdruck zu bringen? Sind sie doch geleitet von der Absicht, bei der Überwindung von drückenden Problemen zu helfen und dem Glauben zu dienen! (…)
Der zweite Grund unserer Besorgnis ist, dass auch angesichts aller Ihrer so großartigen Bemühungen jene Mängel in Lehre und Ordnung unserer Kirche offenbar unkorrigiert bleiben, die einfach nicht mehr in unsere Zeit passen. Als Altlasten, die früheren und längst überwundenen Auffassungen entsprechen, sind sie heute schwere Hindernisse für das Wirken der Kirche und insbesondere für die Seelsorge. Erschreckende Mängel treten hier auf. Das Glaubensleben in den Gemeinden, die vielfach willkürlich durch Umorganisation wegen des Fehlens von zölibatären Priestern zerstört werden, droht zu verdorren. Es kann nur durch den oft unbedankten, sogar nicht selten widerstrebend angenommenen Einsatz von Frauen und Männern des sog. Laienstandes aufrechterhalten werden. Ihnen wird aber durch Vorschriften, die letztlich nur der Aufrechterhaltung klerikaler Macht dienen, ein zielführendes Wirken fast unmöglich gemacht wird. (…)
Sie als unser Papst bauen auf die Bischöfe, die Anstoß zu Veränderungen geben sollen, welche nicht einfach von oben angeordnet, sondern gemeinsam erarbeitet werden. Wir haben das sehr gut verstanden und sehen das als großen Fortschritt an! Daher haben wir bei unserer Bischofskonferenz angeregt, eine diesem unüberhörbaren Wunsch entsprechende Initiative zu ergreifen.
Leider hat es sich abermals erwiesen, was uns schon lange bedrückt: Durch eine konsequente Politik vieler ihrer Vorgänger wurde den Bischöfen, die das wichtigste Amt in der Kirche innehaben, der Mut zu verantwortungsvollem Handeln systematisch ausgetrieben. Sie wurden zu Handlangern einer sterilen vatikanischen Religionsbürokratie degradiert. So sind die meisten dieser auf die Bischofssitze Beförderten heute alte Schläuche, die den neuen Wein aufnehmen sollen.
Eine so geartete Kirchenleitung humpelt dem durch die Zeiten wandernden Kirchenvolk nach, statt ihm mutig voranzuschreiten! Wie das am Tag der Verantwortung vor dem wahren Herrn der Kirche gerechtfertigt werden soll, ist uns unbegreiflich. Dass sich jene, die diese Situation herbeigeführt haben, gegenseitig selig oder heilig sprechen, wird ihnen dabei wohl kaum helfen können.
So sei dieser Schritt unternommen: Nun bitten wir Sie, sehr geschätzter Bischof von Rom, dem himmelschreienden Übel des Mangels an geeigneten Seelsorgern und Eucharistiefeiern endlich dadurch abzuhelfen, dass auf Wunsch der Gemeinden bewährten Personen nach entsprechender Ausbildung und Prüfung die Ermächtigung erteilt wird, die Eucharistiefeier zu leiten.
Wir brauchen dies nicht nochmals zu begründen, es gibt viele gewichtige Stimmen, die das für richtig und notwendig halten – geleitet von brennender Sorge um das Glaubensleben und in der Absicht, im Sinne des unendlich kostbaren Vermächtnisses Jesu zu handeln. So wie es die junge und noch von problematischen Regelwerken unbelastete Kirche getan hat, die sich auf einen unfassbaren Erfolgsweg begeben hat. Ganz offensichtlich war sie dabei vom Geist geleitet, dessen Hilfe sie damals empfing, und der auch heute uneingeschränkt wirken sollte!»
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/wir-muessen-das-christentum-verteidigen-2/