Luther differenziert betrachtet

Luther differenziert gesehen

Wer war Luther? Wie sehen seine Anliegen aus heutiger Sicht aus? Mit diesen Fragen habe ich mich im Franziskuskalender 2017 in einem kurzen Artikel befasst. Darauf bekam ich ein sehr positives Echo vom Oberbürgermeister der Luther-Stadt Wittenberg, das ich hier im Anschluss an meinen Kurzartikel dokumentiere.

500 Jahre Luther-Reformation

Im Jahr 2017 sind 500 Jahre vergangen, seit Martin Luther seine berühmten Thesen veröffentlichte, die zur Reformation führten. Das Jubiläum findet auch auf katholischer Seite sehr grosses Echo.

«Martin Luther war lange Zeit für Katholiken der Häretiker schlechthin, der die Schuld an der Spaltung der abendländischen Kirche trägt, mit allen schlimmen Folgen bis heute.» So schreibt Kardinal Walter Kaspar, der ehemaligen «Ökumene-Minister» des Vatikans.

Doch er fügt hinzu, was allmählich zu einer allgemein anerkannten Meinung wird: «Seine Reform galt der katholischen Kirche. Sie hatte keine eigene Reformkirche zum Ziel.» Der Hintergrund: Wäre der damalige Papst mehr an der Leitung der Kirche als am Jagen interessiert gewesen und hätte er Luthers Anliegen ernst genommen, wäre es nicht zu einer Kirchenspaltung gekommen …

Davon überzeugt ist auch Margot Kässmann, die lutherische  Botschafterin des Reformationsjubiläums. Sie stellt fest, dass heute die Kirche Luthers und die katholische in der Formulierung ihrer Lehren sich einander angenähert haben. Was im 16. Jahrhundert von der Gegenseite abgelehnt wurde, darüber herrsche heute weitgehend Einigkeit: «So wie die Kirchen ihre Lehre heute formulieren, werden sie von den Verwerfungen des 16. Jahrhunderts nicht getroffen.»

Kässmann wie manche andere Lutheraner zeichnen heute ein differenziertes Bild ihres Reformators, indem sie seine schwachen Stellen nicht ausblenden, so zum Beispiel seine horrende Judenfeindlichkeit.

Auch Luthers Frauenbild wird in seinen widersprüchlichen Facetten dargestellt. In einem Artikel in der ZEIT erwähnt Margot Kässmann, dass Luther auch abschätzige Sätze wie diese über die Frauen geäussert hat: «Wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen Dinge erzählen, welche die Weiber treiben. Es ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, dass sie sich äffen und trügen lassen.» Auf der andern Seite steht Luthers Frauenlob mit Sätzen wie: «Eine Frau ist der beste Gefährte fürs Leben.»

Auch Papst Franziskus hat sich schon öfters zum Reformationsjubiläum geäussert und  um Vergebung für das Unrecht gebeten, das Katholiken Angehörigen anderer christlicher Konfessionen zugefügt haben: «Wir können das, was passiert ist, nicht ausradieren. Aber wir wollen nicht zulassen, dass die Last der vergangenen Schuld weiter dazu beiträgt, unsere Beziehung untereinander zu vergiften», sagte der Papst bei einem ökumenischen Abendgebet in Rom. Er bat zugleich um Vergebung für die «Sünde der Kirchenspaltungen». Sie seien «eine offene Wunde am Körper Christi». Wörtlich erklärte Franziskus: «Als Bischof von Rom und als Hirte der katholischen Kirche bitte ich um Barmherzigkeit und Vergebung für das nicht evangeliumsgemässe Verhalten von Katholiken gegenüber anderen Christen.»

Walter Ludin

Wittenbergs OB zum Franziskuskalender-Artikel über Luther

Sehr geehrte Brüder,

ich freue mich, dass Sie sich in Ihrem renommierten Franziskuskalender in der Jahresauflage 2017 dem Thema des Reformationsjubiläums mit einem eigenen Beitrag widmen. Analog zum Jahresthema «Weg weisen – wegweisen» unterstreicht Walter Ludin in seinem Aufsatz die integrative Rolle des Christentums für Gläubige aller Konfessionen.

Mit der Lutherdekade und seiner thematischen Bandbreite ist ein Prozess in Gang gekommen, der 2017 zum Höhepunkt die Welt nach Deutschland und vor allem auch in die Lutherstadt Wittenberg bringt. Dazu trägt auch der Aufsatz im Franziskuskalender bei. Zahlreiche Veranstaltungen während des gesamten Jubiläumsjahres schaffen Raum für die Entdeckung, Begegnung und den Dialog von allen Religionen und Ländern der Erde. Als weltoffene, friedvolle und moderne Stadt möchten wir zum stetigen Erneuern im 21. Jahrhundert durch das 500. Reformationsjubiläum beitragen und freuen uns, Ihre Brüder zum bevorstehenden Jubiläum in der Lutherstadt Wittenberg begrüssen zu dürfen.

Mit freundlichen Grüssen

Torsten Zugehör, Oberbürgermeister der Lutherstadt Wittenberg

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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