Wer sich an alle wendet, muss etwas zu sagen haben, in dem alle sich wiederfinden. Dem folgte Johannes XXIII. mit seiner letzten Enzyklika. Das war aber schwer, weil sein Amt von einem Diskurs beherrscht war, die Katholiken im Glauben auf Kosten anderer zu stärken. Darin war das moderne Papsttum gefangen, seit es an Robert Bellarmins (+ 1621) Kontroversen Mass nahm. Es galt, die Gegner genau zu kennen und ihre Schwächen zu identifizieren, um so die eigenen Stärken herauszustellen. Dieses Papsttum wollte sich primär mit eigener religionsgemeinschaftlicher Souveränität ausweisen. Wer dem in der Kirche nicht folgte, galt dem Modernismus verfallen.
Pacem in terris ersetzt diesen Diskurs mit einer Aufmerksamkeit auf Probleme, vor denen alle Menschen stehen wie dem in der Kuba-Krise gefährdeten Weltfrieden, und mit dem Respekt vor Lösungen, die ausserhalb der Kirche bereits gefunden waren wie den Menschenrechten. Statt auf Schwächen zu schielen, setzt Johannes XXIII. bei der gefährdeten Würde an, um deren Anerkennung heutige Menschen gesellschaftlich ringen. Das ist ihre Stärke, der die Kirche nicht ausweichen darf. Pacem in terris nennt dieses Ringen – nur in der italienischen Publikation – ‹Zeichen der Zeit›. Erst an ihnen kristallisieren sich kirchliche Botschaften, die dem Evangelium Bedeutung bei allen Menschen geben können. Ohne sie kommt kein Papst über geistreiche religiöse Verlautbarungen hinaus.
Hier beginnt ein anderes Papsttum. Päpste können mit dieser Strategie zu global anerkannten Repräsentanten des religiösen Kapitals der Menschheit werden, aber daran auch scheitern. Dem Konzil war damit ein Weg aus der Sackgasse der innerkirchlichen Kontroversen gewiesen, in die es sich in der ersten Intersession verstrickte. Erst nach dem Geniestreich von Pacem in terris näherte es sich langsam dem inhaltlichen Niveau der globalen Aufmerksamkeit, von der seine Akteure überrascht worden waren.
(Hans-Joachim Sander)
Konzilsblogteam
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