Kürzlich kam mir das Buch «Heute im Blick» von Martin Werlen wieder in die Hände. (Martin ist übrigens ein eifriger Leser meines Blogs.) Ich zitiere und kommentiere hier einen Abschnitt, der meines Erachtens höchst aktuell ist.
Israel-Palästina
Bekanntlich war Martin Werlen einige Wochen im Heiligen Land, nachdem er als Abt zurückgetreten war. Hier seine bedenkenswerten Überlegungen zum Palästinakonflikt:
«Die westliche Welt – die christlich-humanistische Kultur – kümmerte sich bei der Zustimmung zur Gründung des Staates Israel nicht wirklich um die Palästinenser, Muslime und Christen. Bis heute nicht. Nur weil wir immer noch in einer privilegierten Machtposition sind, können Menschen hier bei uns von oben herab sagen: Warum können Israelis und Palästinenser nicht in Frieden zusammenleben? Es ist traurig, dass es einzig Organisationen wie der Hamas gelingt, die seit 1948 nicht gelösten Probleme bei uns für ein paar Wochen in die Medien zu bringen.»
Zwischenbemerkung:
Wer hat bis in die 1970er-Jahre hierzulande wahrgenommen, dass es unterdrückte Palästinenser gibt? Erst als die Fatah/PLO von Arafat Flugzeuge entführt und Bomben geworfen hat, kam das Problem ins Bewusstsein. «Die Palästinenser haben sich in das Bewusstsein der Welt gebombt», haben Kommentatoren selbstkritisch angemerkt. Wie wäre es, wenn wir Menschenrechtsverletzungen nicht erst dann wahrnähmen, wenn die Benachteiligten zur Gewalt greifen?
Weiter im Text von Martin:
«Allerdings realisieren wir meistens nicht, dass das Problem nicht einfach nur die gegenseitigen Raketenbeschüsse sind. Gewalt kann auch ein Hilfeschrei sein. (…) Wir tragen grössere Verantwortung für die Konflikte im Nahen Osten, als uns bewusst ist. So lange wir uns darum sorgen, dass unsere Privilegien nicht ins Schwanken kommen und wir vor aller Weltöffentlichkeit wie Egoisten leben, bereiten wir den Boden für Kämpfe anderer um ihre Rechte – wenn nötig mit Gewalt. Solange wir zufrieden sind, wenn für uns alles gut läuft, werden andere weiter leiden und nach Gerechtigkeit schreien.
Nicht nur als getaufte, auch als vernünftige Menschen sind wir herausgefordert, politische Ausrichtungen zu unterstützen, die sich für Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen einsetzen. Denn «solange die Ausschliessung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen. Die Armen und die ärmsten Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht.»
Nachbemerkung:
Leider gibt’s im Neukonzept unserer Blogs noch keine Kommentarfunktion. In mehreren Mails an mich wurde dies bereits bedauert. Ich habe sie weitergeleitet. Die Verantwortlichen werden darüber nachdenken.
So kann unser lieber Kari St. leider nicht auf die obigen Bemerkungen reagieren. Ich bin überzeugt, er würde ganz anderer Meinung sein. Wie auch immer: Ich hoffe sehr, dass er keinen psychischen Schaden leidet, weil er mir nicht mehr jeden Tag widersprechen kann.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/gerechtigkeit-fuer-palaestinenser/