Johannes XXIII. spürt, dass jene Form, in die sich die katholische Kirche intellektuell wie institutionell geflüchtet hatte, nicht mehr in der Lage ist, den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts gerecht zu werden. Johanns XXIII. hatte viel erlebt, was ihn zu dieser Einsicht brachte und er benennt es auch: die Emanzipation der Frauen, den sozialen Aufstieg der Arbeiter, die Autonomiebestrebungen der kolonialisierten Völker, die Neubewertung des Krieges angesichts der Atombombe, den Sieg der westlichen Demokratien, den Aufbruch der modernen Wissenschaften. Und er hatte die Katastrophen des 20. Jahrhunderts erlebt, zwei Weltkriege mit zwei mörderischen Ideologien und allem Bösen voran: den europäischen Judenmord.
Johannes XXIII. sieht, dass die bisherigen Reaktionen der katholischen Kirche auf all das nicht wirklich zukunftsfähig sind, vor allem nicht ihr forcierter Antimodernismus, der moderne Wissenschaftsmethodiken aus der Theologie ausschloss, die moderne freiheitliche Gesellschaft als Feind der Kirche wahrnahm und auf die Herausforderung der Weltkriege mit stiller Diplomatie auf der Basis von Neutralität regierte, und das hiess öffentlich: mit Schweigen – eben auch zum Holocaust.
Johannes spürt, dass die bisherigen kirchlichen Reaktionsmechanismen nur das kirchliche Innen erreichen, aber nicht das gesellschaftliche Aussen. Denn dieses Aussen wurde von der Kirche in seiner modernen Verfassung nicht wirklich akzeptiert. Es ist ihm geistlich ein ungläubiger und daher verworfener Grund und politisch ein Objekt zwischenstaatlicher Diplomatie. Für Johannes und das Konzil ist das Aussen der Kirche aber nicht verworfen, sondern der Ort, wo der geistliche Auftrag der Kirche zu sich selber kommt und ist es politisch nicht nur ein Ort der zwischenstaatlichen Diplomatie, sondern der Realisation der Menschenrechte.
(Rainer M. Bucher)
Konzilsblogteam
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