Was gerade zu Ende ging. Die Gegnerschaft der Kirche gegenüber der modernen Welt

Mit dem Konzil hat die Kirche ihre Beziehung zur Welt grundlegend erneuert. In drei kleinen Beiträgen skizziert Rainer Bucher den Weg der Kirche zu einer neuen Haltung gegenüber der Welt. (ab)
1791 hatte Papst Pius VI. seinen Gläubigen erklärt, die ganze «absurde Freiheitslüge» liefe darauf hinaus, die katholische Religion zu vernichten, widerspräche zutiefst Vernunft und Offenbarung (Enzyklika Quod aliquantum vom 10.3.1791).
Von der Französischen Revolution bis zum II. Vatikanischen Konzil stand die katholische Kirche in offener Gegnerschaft zum Projekt der bürgerlichen Moderne. Mit der augustinischen Parole «Keine Freiheit für den Irrtum» vertrat man eine Staatsauffassung, die rechtspolitisch ständisch orientiert war, sich auf ein übergeschichtliches Naturrecht berief und die religiöse Einheitlichkeit des Staates und seine enge Verbindung mit der Kirche forderte.
Der Staat wurde als eine dem Menschen vorgegebene Ordnung definiert, in der die Einheit von Recht und Moral zu gelten habe. Das Individuum wurde von seiner Einbindung in diese Ordnung her gedacht, wahre Freiheit als Gehorsam gegen die von Gott vorgegebene Ordnung bestimmt. Diese Ordnung konnte interpretiert, nicht aber gestaltet werden. Sozialpolitisch war diese Staatsauffassung paternalistisch geprägt: Es waren die vorgegebenen Autoritäten, welchen es zukam, für das Wohl aller Mitglieder der Gesellschaft zu sorgen. Demokratie, Menschenrechte, Religionsfreiheit waren diesem Denken zutiefst fremd und verdächtig.
Die Enzyklika Mirari vos Gregors XVI. (1832), Quanta cura und der Syllabus errorum Pius’ IX. von 1864 sowie die Dogmen des I. Vatikanums vom Iurisdiktionsprimat und der Unfehlbarkeit des Papstes waren Programmschriften einer konservativen kirchlichen Zentralisierung innerhalb der entstehenden liberalen Gesellschaft. Sie entwerfen das Projekt, die katholische Kirche als zeitlose Grösse über der Geschichte zu entwickeln. Der Zeitbezug wurde paradoxal auf einen Gegenbezug gestellt. Binnenkirchlich hatte dieses Projekt durchaus Erfolg, zumal die Innenbeziehungen der katholischen Kirche sehr gezielt auf das gläubige Individuum hin ausgerichtet wurden. Die Aussenrelationen der Kirche aber wurden über Konkordate als zwischenstaatliche Beziehungen organisiert.
(Rainer M. Bucher)

Konzilsblogteam

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