(Die Sonntagspredigt ausnahmsweise schon heute) Die meisten von uns stellen sich die Heiligen als harmlose, vielleicht sogar süssliche Gestalten vor, die schon zu Lebzeiten so etwas wie einen Heiligenschein getragen haben. Die Wirklichkeit sieht recht anders aus. Auch oder gerade die Apostel entsprechen nicht diesem Image, um ein modernes Wort zu gebrauchen.
Besonders die beiden Jünger, denen wir am Anfang des heutigen Evangeliums begegnen, entsprechen nicht dem Cliché von Heiligen als kraftlose Menschen. Sie heissen Jakobus und Johannes. Nicht zufällig werden sie in der Bibel «Donnersöhne» genannt. Sie rufen Blitz und Donner auf das Dorf herab, das Jesus das Nachtlager verweigert. Der Grund: Die Dorfleute sind Samariter und gehören somit zu einer andern Religion als Jesus und seine Apostel.
Diese Geschichte fordert uns gerade auch in der heutigen Zeit mehrfach heraus. Sie stellt uns zuerst die Frage, wie wir Andersgläubige und Andersdenkende behandeln. Sehen wir in ihnen Menschen oder Gegner? Oder sogar Feinde, die vernichtet werden müssen? Wer sich auch nur ein bisschen mit dem Internet befasst, stellt mit Schrecken fest, wie viel Hass da gesät wird. Das gleiche geschieht an gewissen Stammtischen.
Ich habe diese Woche im Facebook ein schreckliches Beispiel gelesen. In einer SVP-Runde erzählt jemand, er habe den umstrittenen, profilierten SP-Politiker Cedric Wermuth auf der Strasse von seinem Auto aus gesehen. Ein Kollege fragt: «Warum hast du ihn nicht überfahren?» Dies ist nur ein Beispiel. Auch aus dem Umfeld anderer Parteien gäbe es wohl ähnliche.
Zurück zur biblischen Szene: Jesus und seine Begleiter werden im Dorf nicht aufgenommen, weil sie – so haben wir gesehen –eine andere Religion haben. Wer denkt da nicht an die Frage, ob wir nur christliche Flüchtlinge oder auch muslimische Asylsuchende aufnehmen sollen. Ich möchte hier nicht näher darauf eingehen. Sie können selber darüber nachdenken.
Wie Sie sicher festgestellt haben, geht es im heutigen Evangelium keineswegs nur um Fremde. Die zentrale Frage ist die Nachfolge Jesu. Was bedeutet es, Jesus zu folgen, ihm nach-zugehen? In der lateinischen Übersetzung der Bibel steht dafür das Wort sequi oder auch con-sequi. Auch wer nicht Latein kann, merkt vielleicht, dass der Ausdruck con-sequi gleich tönt wie Konsequenzen.
Das heisst ganz schlicht und einfach: Der Glaube ist nicht nur eine Theorie, nicht bloss ein frommes Gefühl: Er muss Konsequenzen haben. oder in einem Wortspiel: Wenn jemand Jesus folgt, muss dies praktische Folgen haben. Das Leben der Christgläubigen soll sich von jenem der Ungläubigen unterscheiden.
Klammerbemerkung: Dies heisst selbstverständlich nicht, dass auch Nichtglaubende oft viel menschlicher und mitmenschlicher leben als wir. Klammer geschlossen.
Dass Gläubige durch ihren Lebensstil sich von den andern unterscheiden müssen, zeigt Jesus an einem ganz alltäglichen Beispiel: «Wenn ihr nur jene grüsst, die euch grüssen, was tut ihr dann Besonderes? Dies tun ja auch die Heiden.»
Hier liegt eine weitere Provokation, eine weitere Herausforderung. Nämlich: Was tun ich, was nicht täte, wenn ich kein Christ wäre? Gibt es etwas, woran die andern sehen, dass ich ein Nachfolger, eine Nachfolgerin Jesu bin? Ich meine selbstverständlich nicht nur den Kirchgang, so wichtig er auch ist.
Gettnau LU, So 8.45; Kloster Gerlisberg LU So 17.00 Uhr
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/feuer-und-schwefel-fuer-andersdenkende/