Hier mein Wort zu Pfingsten auf Radio Central:
Pfingsten ist ein beliebtes Fest – wegen dem freien Pfingstmontag. Aber sonst? Das christliche Fest, das heute gefeiert wird, ist nicht populär. Es gibt keine geschmückten Tannenbäume wie an Weihnachten, keine Schoggihasen wie an Ostern.
Sicher wissen viele noch, dass es an Pfingsten um den Heiligen Geist geht, der an dem Tag den ersten Christen in Jerusalem geschenkt worden ist. Aber dieser Geist Gottes ist nicht sichtbar. Er wird unter dem Symbol von der Taube dargestellt. Manchen Menschen sehen aber auf solchen Bildern bloss ein Federvieh.
Trotz allem: Den Geist Gottes sehen wir zwar nicht. Aber wir könnten spüren, was er tut. Er ist am Werk in den Herzen der Menschen. An einem deutschen Katholikentag habe ich gehört, wie Karl Rahner, wahrscheinlich einer der grössten Theologen vom 20. Jahrhundert, das Wirken vom Heiligen Geist erklärt hat. Es ist schon 30 Jahre her, aber ich erinnere mich noch gut an seine Beispiele von «konkreten Erfahrungen des Geistes mitten im banalen Alltag». Nämlich, dieser Geist wirkt, wenn
– jemand bereit ist zu verzeihen, obwohl es im Grunde unvernünftig erscheint
– wenn ein Mensch etwas für andere tut, obwohl er keinen eigenen Vorteil hat.
Und: der Geist Gottes wirkt, wenn jemand hofft, dass sein Leben sinnvoll ist, obwohl er viel Unsinn, viel Sinnloses erfahrt.
Karl Rahner hat sein Publikum eingeladen, im Alltag nach solchen Erfahrungen zu suchen. Ich lade Sie, liebe Zuhörende, dazu ein, jetzt das mit mir zusammen zu tun.
– Sie kennen sicher Menschen, die schwer krank sind und dennoch nicht verzweifeln.
– Und es gibt Eltern, Lehrer und Erzieherinnen, die ein schwieriges Kind oder einen schlimmen Jugendlichen nicht aufgeben und ihm immer wieder eine Chance geben, weil sie an seinen guten Kern glauben.
– Und Sie kennen wahrscheinlich Fabrikbesitzer die in einer geschäftlichen Krise stecken und dennoch nicht leichtfertig Personal entlassen.
Wir alle, Sie und ich, könnten diese Liste noch lang weiterführen. Der heilige Paulus würde bei diesen Beispielen sagen, dass diese Leute «hoffen gegen alle Hoffnung«. Er würde sicher wie Karl Rahner sagen: Die Kraft, die diese Menschen haben, ist ein Geschenk Gottes: eine Wirkung von seinem dynamischen Geist.
An Pfingsten und schon vorher beten die Gläubigen mit einem Satz, der schon über 2000 Jahre alt ist, nämlich: «Sende aus deinen Geist und das Antlitz der Erde wird neu.»
Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie nicht nur heute etwas von der pfingstlichen Kraft und Hoffnung spüren. In diesem Sinne: Frohe Pfingsten.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant