Der SVP-Nationalrat Andreas Glarner hatte vorgeschlagen, um die Schweiz einen Stachdrahtzaun zu bauen. Abgesehen von der faktischen Unmöglichkeit und dem fehlenden Nutzen (die meisten Flüchtlinge kommen nicht über die grüne Grenze) ist der Vorschlag nicht hilfreich. Dazu die Fortsetzung der Glosse von Matthias Zehnder (vgl. Blog von vorgestern):
Das Fremde hat gerade der kleinen Schweiz immer wieder wichtige Impulse gegeben. Man könnte auch sagen: So lange das Fremde fremd ist, kommt der Stacheldraht zum Zug. Hat sich das Fremde einmal eingebürgert, greift der Schweizer gern zum Gewächshaus. Überraschend daran ist bloss, dass sich die Schweizerinnen und Schweizer immer wieder einreden, es liege am Gegenstand, welches Modell zum Tragen komme. Doch die Fremdheit beschreibt nicht den Gegenstand, sondern unser Verhältnis dazu. Das ist vielleicht auch der Grund dafür, warum Flüchtlinge besonders in jenen Gegenden auf Ablehnung stossen, in denen es keine hat. Für Menschen, die die Fremden kennenlernen, sind die Fremden eben nicht mehr fremd. Deshalb sind sie auch bereit, den Stacheldraht links liegen zu lassen und zum Modell Geranium zu greifen.
Indem er verhindert, dass seine Gemeinde Oberwil-Lieli Flüchtlinge aufnimmt, verhindert Andreas Glarner, dass aus fremden Flüchtlingen hilfsbedürftige Menschen werden – er verhindert quasi die Verwandlung von Minaretten in Geranien.
In einem Punkt ist das Bild einer mit Stacheldraht umzäunten Schweiz, das Andreas Glarner in die Welt gesetzt hat, ungewollt zutreffend: Dieser Stacheldraht richtet sich nicht nur gegen aussen, sondern auch gegen innen. Stacheldraht wird in Gefängnissen eingesetzt und in Konzentrationslagern. Andreas Glarner macht mit seinem Stacheldraht die Schweiz geistig zu jenem Gefängnis, vor dem Friedrich Dürrenmatt in seiner Rede auf Vaclav Havel 1990 warnte.
Wie bringen wir also den Stacheldraht wieder aus unseren Köpfen, wie verhindern wir die Schweiz als Gefängnis? Denken Sie ans Geranium. Und daran, dass «fremd» nie die Menschen selbst beschreibt, sondern nur unser Verhältnis zu ihnen. «fremd» ist eigentlich Selbstbeschreibung. Deshalb: denken Sie ans Geranium. Oder an die Kartoffel. Denn auch Rösti ist das Resultat einer gelungenen Integration.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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