Geranien ja, Minarette nein

Sie gelten als Symbole für eine urtümliche, gemütliche, «bhäbige» Schweiz: die Geranien. Doch sie sind eigentlich Fremde, da aus Südafrika eingeführt. Sie wurden aber «eingebürgert». Andere Dinge, die fremd sind, werden dagegen abgelehnt, zum Beispiel Minarette. Dazu eine lesenswerte Glosse des Schweizer Journalisten Matthias Zehnder (gekürzt):
Das Fremde. Die Schweiz hat in den letzten Jahrhunderten zwei Modelle entwickelt wie sie mit Fremdem umgeht: das Modell Geranium und das Modell Minarett. Das Geranium gehört zur Schweiz wie Alphorn und Käse. Die oft zündroten Blüten schmücken jedes rechte Bauernhaus und blühen üppig das ganze Jahr. Bloss: Das Geranium ist ein Immigrant. Unsere Nationalblume kommt aus Südafrika. 1672 brachte die Niederländische Ostindien-Kompagnie die Wildpflanze nach Europa. Balkone und Fenstersimse hat die Blume sogar erst Anfang 20. Jahrhundert erobert. Dennoch empfinden die Schweizer das Geranium als so urschweizerisch wie den Käse (eine griechische Erfindung, übrigens). Das Geranium ist also ein Beispiel für eine gelungene Integration. Dieser Geschichte des Geraniums widmet sich derzeit eine Ausstellung im Alpinen Museum Bern.
Ganz anders ist es dem Minarett ergangen. Obwohl es in der Schweiz bislang nur gerade vier Minarette gibt, haben die Schweizer 2009 einer Volksinitiative zugestimmt, die den Bau von Minaretten verbietet. Das Minarett wurde von den Befürwortern der Initiative als Symbol für eine Bedrohung durch den Islam wahrgenommen. Das Minarett stand stellvertretend für den fremden Glauben der fremden Menschen. Das Minarettverbot bringt im Bild zum Ausdruck, was die AfD an ihrem Parteitag diese Woche in Deutschland beschlossen hat: Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Schweizer Rechtspolitiker würden dieser Aussage in Bezug auf die Schweiz sicher zustimmen. (…)
Modell Geranium oder Modell Minarett – Gewächshaus oder Stacheldraht. Das sind die beiden Grundmechanismen, wie die Schweiz mit Fremdem umgeht. Basel ist mit dem Modell Geranium gut gefahren. So haben nach Basel geflüchtete Hugenotten im 17. Jahrhundert die Seidenbandweberei nach Basel gebracht. Daraus ist die Färbtechnik, die Chemie und schliesslich die pharmazeutische Industrie entstanden. Ohne Glaubensflüchtlinge wäre Basel heute arm dran.
Fortsetzung folgt

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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