Es gibt zu wenig unaufgeregte Stimmen zum Islam. Hier ist eine (evangelisch-reformierte)

Vernünftige, besonnene Stimmen zum Verhältnis Christen-Muslime werden kaum gehört. Oder wie es vor wenigen Tagen ein Journalist formuliert hat: «Mehr als 80 Prozent der hiesigen Muslime sind moderat, aber gefühlte 99 Prozent aller Medienberichte über den Islam sind negativ aufgeladen.»
Mein Facebook-Freund Philipp Dätwyler hat mich im Zusammenhang mit meinem gestrigen Eintrag auf eine Broschüre aufmerksam gemacht, die er im Auftrag des Kirchenrates der Evangelisch-Reformierten Kirche Zürich redigiert hat: «Nach der Minarettabstimmung von 2009. Kirche und Islam. Zum zukünftigen interreligiösen Handeln.»
Ich muss beschämt gestehen, dass ich diese Broschüre nicht zur Kenntnis genommen habe. Hier einige Ausschnitte:
«Vergleicht man die Zahl der Muslime zwischen 2000 und 2008 mit den früheren Zahlen, stellt man fest, dass sich das Wachstum der muslimischen Bevölkerung verlangsamt hat. Es ist davon auszugehen, dass die Wachstumskurve des muslimischen Bevölkerungsanteils in Zukunft weiter abflachen wird. Dies insbesondere aus zwei Gründen:
a) Die Geburtenziffer sinkt bei den in der Schweiz lebenden Ausländerinnen seit einiger Zeit spürbar und die in der Schweiz lebenden Musliminnen werden diesem Trend mit grösster Wahrscheinlichkeit ebenfalls folgen.
b) Wegen des neuen Ausländergesetzes ist es für Menschen aus Ländern, die nicht zur Europäischen Union gehören, fast unmöglich geworden, in der Schweiz eine Niederlassungsbewilligung zu bekommen. Personen aus islamisch geprägten Ländern haben praktisch nur noch über den Familiennachzug oder über den Nachweis politischer oder religiöser Verfolgung eine Chance, sich in der Schweiz niederzulassen.»
Zwischenbemerkung: Die gegenwärtige Flüchtlingskrise werden daran wohl etwas ändern. Aber wir haben noch längst keine muslimische Masseneinwanderung wie etwa Deutschland.»
Weiter im Text der Broschüre:
 
Vielfältige Profile
Wichtiger als die Zahlen sind inhaltliche Fragen: Wie stark identifizieren sich die Muslime in der Schweiz mit ihrer Religion? Wie viele Muslime machen aktiv in einem Moscheeverein mit? Wie viele halten sich an die religiösen Gebote? Wie viele vertreten strenggläubige oder gar islamistische Positionen? Wie viele sehen sich eher im kulturellen Sinne als Muslime oder verstehen sich als liberale oder gar als «säkulare» Muslime?
Tatsache ist, dass die Muslime in keiner Weise eine homogene Gruppe bilden. Es gibt den Islam so wenig wie das Christentum. Nicht nur die ethnische Herkunft der hier lebenden Muslime, sondern auch ihre Einstellung zum Islam und ihre religiöse Praxis sind vielfältig. Nach Schätzungen sind nur zehn bis fünfzehn Prozent der Muslime regelmässige Moscheebesucher oder Mitglieder in einem islamischen Verein. Die Vereins- oder Verbandspräsidenten, die jeweils die Interessen der Muslime gegenüber dem Staat und einer weiteren Öffentlichkeit vertreten, sind, so gesehen, nicht sehr repräsentativ. Sie vertreten lediglich ihre Vereinsmitglieder.
Die überwiegende Mehrheit der Muslime tritt gesellschaftlich nur wenig in Erscheinung. Diese Muslime sind verhältnismässig gut integriert, betrachten ihren Glauben als Privatsache und praktizieren ihn nur punktuell. Kontakt zu einer Moscheegemeinde haben sie meist nur bei besonderen Anlässen wie Geburt, Heirat oder Tod. Meistens essen sie kein Schweinefleisch, trinken vielleicht keinen Alkohol und fasten vielleicht während des Ramadans. Ansonsten halten sie bewusst Distanz zu strenggläubigen Muslimen, da diese die Tendenz haben, liberale Haltungen und den modernen Lebensstil zu kritisieren.
Volltext der Broschüre:http://www.zh.ref.ch/handlungsfelder/gl/beziehungen/interreligioeserdialog/christlich-islamischer-dialog/RLK_IslamPapier_WEB_def.pdf
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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