»Nun ist gross Fried ohn Unterlass. All Fehd hat nun ein End.»
Wie oft haben wir dieses schöne Lied schon gesungen? Es ist so populär, dass es sogar eine humorvolle, kindliche Version davon gibt. Der kleine Hans singt: «Gottfried isst ohne Unterlass. Alfred hat nun ein End.»
Doch, seien wir realistisch: Können wir wirklich so singen, vom grossen Frieden, der ausgebrochen ist, von den Fehden und Streitigkeiten, die ein Ende nahmen? Vor allem: Können wir dieses Jahr so singen auf dem Hintergrund des Terrorismus, der langsam in unsere Nähe kommt? Nein, die Realität sieht anders aus.
Doch mit der Realität ist es so eine Sache. Vielleicht erinnern sich noch einige von Ihnen daran, wie im berühmten Mai 68 in Paris auf Mauern der Satz gesprüht wurde: «Soyer réaliste. Demandez l’impossible/Seid Realisten. Fordert das Unmögliche.
Ein Bekannter von mir, führendes Mitglied der Bewegung Longo maï», die in verlassenen Gegenden Europas Bauernhöfe wieder zum Leben bringt, hat mich korrigiert, als ich diese Sätze zitierte. Es müsste heissen: «Soyer réaliste, vivez l’impossible/seid realistisch. Lebt das Unmögliche.»
Mit andern Worten: Fordert nicht das Unmögliche von andern. Ihr könntet vielleicht noch lange warten. Sondern: Tut, versucht das, was euch unmöglich scheint. Und ihr werdet es erreichen.
Dazu passen die Sätze, die ich im österlichen Leitartikel der Zeitschrift «Christ in der Gegenwart» gefunden habe:
«Die Auferstehung Jesu, die wir heute feiern, ist kein Trost, sondern ein Trotz. Wir sind Protestmenschen gegen den Tod. Wir trotzen dieser Wirklichkeit des Leidens und der Verfolgung den Glauben ab, weil es eine Zuversicht gibt, die Gott uns verheissen hat. Und wir werden tun, was wir können.»
Wirklich ein sehr beeindruckender, österliche Gedanke: Wir sind Protestmenschen gegen den Tod. Wir sind trotzige Leute, die sich mit dem scheinbar Unausweichlichen, Unabänderlichen nicht abfinden. Gläubige, die nicht andern nachplappern:
Tot ist tot.
Oder auch: Kriege hat es immer gegeben. Kriege wird es immer geben.
Wir distanzieren uns von solchen Plattitüden nicht weil wir unverbesserliche Optimisten sind, sondern weil wir als österliche Menschen leben.
Wir orientieren uns an den Menschen der Bibel, die den Gekreuzigten nicht im Grab fanden, sondern ihm als Lebendigen begegnet sind.
Wir denken an Jesus, der am Kreuz für seine Verfolger gebetet hat «Verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun» und so die Spirale von Gewalt und Gegengewalt überwunden hat.
Wir nehmen Jesu Verheissung ernst: «Selig, die keine Gewalt anwenden: selig die Friedensstifter.»
Diese biblischen Botschaften helfen uns, zu versuchen, das Unmögliche in unserem Leben zu verwirklichen. Sie ermutigen uns zu einem grösseren Realismus, der sich mit den herrschenden Zuständen nicht abfinden. Sie überwinden den Fatalismus und die Resignation, die uns zur Aussage verführen wollen: «Es ist nun einmal so. Da kann man nichts machen.»
Wenn ich mich recht erinnere, war es Dorothee Sölle, die meinte: «Resignation ist die grösste Sünde.»
Ja, sie ist die Sünde des Unglaubens, weil wir nicht darauf vertrauen, dass Gottes Geist das Antlitz der Erde erneuern kann.
Er kann es. Aber er will es nicht allein tun. Gott, sein Geist laden uns ein, dabei mitzuarbeiten.
Lassen Sie mich die österliche Botschaft zusammenfassen. Ich tue es mit den drei Begriffen, die ich in einem Ostermail fand, das mein Freund Vladimir mir geschickt hat. Er ist Direktor eines grossen kirchlichen Hilfswerks in Moldawien, dem vielleicht ärmsten Land Europas und kämpft mit seinem Team unermüdlich gegen ein unvorstellbares Elend. Die drei österlichen Worte heissen:
– Liebe
-Hoffnung
-Vergebung.
Seine grenzenlose Liebe hat uns Jesus am Kreuz bewiesen.
Seine Auferstehung schenkt uns die Hoffnung, dass das scheinbar Unmögliche möglich wird.
Seine Vergebung schenkt uns allen immer wieder einen Neuanfang. So können wir immer wieder von Neuem versuchen, das Unmögliche zu leben.
Langnau i. E.: Sonntag 10 Uhr; Kloster Gerlisberg: Sonntag 17 Uhr
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant