Erstaunliches war im SPIEGEL 4/2016 über die Motivation von Angela Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik zu lesen:
Klaus von Dohnanyi, Sozialdemokrat und einstiger Ersten Bürgermeister von Hamburg kannte Merkels Eltern, glaubt, dass in der Flüchtlingskrise stark ihre christliche Erziehung durchschimmert. «Sie ist die Tochter eines sozialistischen Pastors. Und die Mutter ist eine ganz fromme Frau. So was steckt in einem drin, das geht nicht mehr raus.» Im Hause Kasner habe man eine sehr praktische Theologie verfolgt, die darin bestand, Armen, Kranken und Benachteiligten zu helfen.
Merkel sei mit dem Grundsatz aufgewachsen: Wenn Fremde in der Nässe vor deiner Haustür stehen, lässt du sie rein und hilfst. «Und wenn man sie reinlässt, macht man auch kein böses Gesicht», sagt Dohnanyi. «Das tun Christen nicht.» Merkel selbst drückte es vor Kurzem ähnlich aus: «Wir halten Sonntagsreden, wir sprechen von Werten. Ich bin Vorsitzende einer christlichen Partei. Und dann kommen Menschen aus 2000 Kilometern zu uns, und dann muss man sagen: Hier darf man kein freundliches Gesicht mehr zeigen?»
Auch Pfarrer Eppelmann ist überzeugt, dass Merkels Haltung in der Flüchtlingskrise tief in ihrer Biografie wurzelt. «Sie steht auf einem festen Fundament, das in der Kindheit und Jugend gelegt wurde.» Er weist darauf hin, dass es sich bei ihrem Elternhaus nicht um ein gewöhnliches evangelisches Pfarrhaus handelte, sondern um eine Behinderteneinrichtung der Diakonie. Dort im «Waldhof» wuchs Angela Kasner in der Dienstwohnung ihres Vaters unter Behinderten auf, um die es sich zu kümmern galt. «Sie hat dort Empathie inhaliert wie die Luft und den Sauerstoff», sagt Eppelmann.
Merkel habe später auch die Erfahrung gemacht, wie brutal es sei, von einem Regime gegängelt zu werden. Dass sie zunächst keinen Studienplatz bekommen hatte, obwohl sie Klassenbeste war. «Eine solche Erfahrung kann einen Menschen brechen», sagt Eppelmann. Insofern könne Merkel gut nachempfinden, was in Menschen vorgehe, die vor Willkür-Regimen wie dem «Islamischen Staat» oder Assads Syrien fliehen.
Das Wichtigste aber sei das evangelische Pfarrhaus, betont Eppelmann, der selbst in der DDR als Pastor gearbeitet hat. Man bekomme einfach einen «gewissen ethischen Anspruch mit, wie das Leben zu sein hat». Dazu gehöre, dass man sich selbst nicht für wichtiger oder wertvoller halte als andere Menschen, egal aus welchem Land sie kämen.
Jeden Tag sei im Hause Kasner von Jesus und Gott die Rede gewesen. Die tägliche Botschaft habe geheissen: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Nicht nur deutsche Menschen. Gott hat alle lieb.» Man solle doch mal die Erklärungen der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Flüchtlingskrise mit Merkels Worten vergleichen, rät Eppelmann. «Das ist nahezu identisch.»
Als Merkel Mitte Dezember vor dem CDU-Parteitag spricht, erinnert ihre Rede fast an eine Predigt. Sie erinnert an die Leistungen der CDU, die Westbindung und die Wiedervereinigung, die Adenauer und Kohl gegen alle Ungläubigen und Zauderer durchgesetzt hätten. Sie stellt ihre Politik in eine Linie mit diesen Wundern der Christdemokratie.
«Die Idee der Gründung der CDU war eigentlich eine ungeheuerliche Idee», sagt sie. «Eine Partei, die im C ihre Grundlage findet, also in der von Gott gegebenen Würde jedes einzelnen Menschen. Das heisst, dass heutzutage keine Menschenmassen kommen, sondern dass einzelne Menschen zu uns kommen.» Als sie nach einer Stunde endet, applaudieren auch die Ungläubigen und Zauderer im Saal – neun Minuten lang. Nur einer sitzt mit versteinerter Miene an seinem Platz: Wolfgang Schäuble.
Soweit der SPIEGEL. Es gibt sicher auch CVP-Politiker, die sich so sehr vom «C» ihrer Partei prägen lassen. Aber sie bilden sicher nicht die Mehrheit dieser Partei. Beispiele dafür gab es in diesem Blog schon etliche ….
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/wie-der-christliche-glaube-merkels-fluechtlingspolitik-praegt/