Wie Israel allmählich «seine Seele verliert»

Die «einzige Demokratie des Nahen Ostens» ist gefährdet; sagt nicht ein anti-semitischer Israel-Feind. Sonder der israelische Rockmusiker und Schriftsteller Yali Sobol. Aus einem längern Gespräch im Publik-Forum über staatliche Kontrolle, Selbstzensur und Terrormüdigkeit. Es zeigt, wie der Staat mit seiner Unterdrückungspolitik immer mehr «seine Seele verliert».
Sobol: Es wird in Israel immer unbequemer, die Stimme zu erheben. Während des letzten Gaza-Krieges bedauerte eine bekannte Comedian, dass bei den Kämpfen so viele Kinder sterben. Ihre Äusserung wurde in den Medien als »unakzeptabel« angegriffen: Warum sympathisieren Sie mit dem Feind? Der Kreuzfahrt-Veranstalter, für den sie Werbebotschafterin war, kündigte ihr. Also, man darf zwar immer noch sagen, was man will. Israel ist immer noch eine Demokratie. Aber die demokratischen Rechte werden langsam ausgeblendet.
Publik-Forum: Sie sind ein bekennender Pessimist.
Sobol: Ich erzähle Ihnen eine Geschichte aus meinem privaten Umfeld: Meine Frau ist wütend, dass es in den staatlichen Kindergärten so wenige Erzieher gibt. Ein höherer Betreuungsschlüssel ist eine Forderung, die nicht allzu radikal ist, oder? Meine Frau äusserte sie bei einem Gespräch mit dem Bürgermeister. Ein paar Tage später bekam sie eine Vorladung von der Polizei. Die erste Frage, die man ihr stellte: »Nehmen Sie üblicherweise an Protestkundgebungen teil?« Dieser Satz steht fast genauso in meinem Roman. Wir konnten es kaum glauben, ihn in der Realität zu hören. (…)
Die Besatzungspolitik ist doch nicht für alle Probleme in Israel verantwortlich.
Sobol: Ich denke, es hat damit zu tun. Wenn du viele Jahre lang gewohnt bist, Probleme autoritär zu lösen, dann wirkt sich das auf das gesamte gesellschaftliche Klima aus. Eine Gesellschaft verändert sich nicht an einem Tag. Aber es gibt zurzeit viele kleine Schritte raus aus der zivilen Demokratie.
Schritt eins?
Sobol: Darauf hinzuwirken, dass Leute sich unwohl fühlen, wenn sie den Mund aufmachen. Wenn die Leute Angst haben, ihre Meinung zu sagen, wird für die Machthaber alles leichter. Irgendwann können sie dann machen, was sie wollen. So läuft das in jedem totalitären Regime. Die Menschen sind viel eher bereit, auf Freiheit zu verzichten als auf Komfort oder Geld. Das erleben wir gerade. Immer mehr kritische Künstler und Intellektuelle behalten ihre Ansichten für sich. Wenn es darum geht, einen persönlichen Preis zu bezahlen für die Meinungsfreiheit, verstummen viele.
Israel ist immer noch eine Demokratie, sagten Sie vorhin. Wann wäre für Sie der Punkt erreicht, wo es kippt?
Sobol: Der Indikator liegt in unserem Umgang mit den Arabern. In den israelisch kontrollierten palästinensischen Gebieten gibt es keine Demokratie. Da herrscht das Militär. Aber die Bevölkerung im israelischen Kerngebiet besteht auch zu zwanzig Prozent aus Arabern, also israelischen Palästinensern. Sie haben die gleichen Rechte wie wir. Natürlich werden sie im Alltag diskriminiert. Sie verdienen weniger, haben Probleme, eine Wohnung anzumieten. Solche Sachen. Aber sie haben alle Bürgerrechte: Sie dürfen ihren Wohnort frei wählen, die Universitäten stehen ihnen offen, sie dürfen zur Wahl gehen und so weiter. Wenn eines dieser Rechte eingeschränkt würde, wäre es das Ende der Demokratie in Israel. Ich hoffe, das passiert nie. (…).
Wie verändert Angst die Demokratie?
Sobol: Andauernde Angst macht dich gleichgültig. Demokratie erscheint dann wie ein Luxus. Wenn vor 15 Jahren ein Palästinenser Juden mit einem Messer attackierte, wurde er ins Gefängnis gesteckt. Heutzutage wird er einfach erschossen. Und darüber regt sich keiner mehr auf, nicht mal mehr die Linken. Der Mensch passt sich schnell den Umständen an, in denen er lebt. Alle sind so müde vom ewigen Terror. Auch die Palästinenser sind müde – sie haben dieses Leben satt. Wenn ein Palästinenser ein Messer zieht, kann man nicht mal mehr sicher sein, dass er Juden töten will. Womöglich will er Selbstmord begehen. Solche Fälle gab es schon.
Nachtrag: Die breite Bevölkerung – sowohl Juden wie Palästinenser – wollen endlich Frieden, ist immer wieder zu hören. Aber warum werden denn immer wieder Politiker gewählt, die kein Interesse am Friedensprozess haben?

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/wie-israel-allmaehlich-seine-seele-verliert/