Sonnengesang des Franziskus: bis heute aktuell/brisant

 
Mutter Erde – und: Dürfen wir Fleisch essen?
Die franziskanische Einstellung zu allem Geschaffenen fokussiert sich im Sonnengesang, der übrigens als das erste literarische Zeugnis auf Italienisch gilt. (Wir geben ihn hier leicht gekürzt in der modernen Übersetzung des deutschen Kapuziners Leonhard Lehmann wieder):
Gelobt seist du, mein Herr, mit all deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne, er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn. Und schön ist er und strahlend in grossem Glanz, dein Sinnbild, o Höchster.
Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Mond und die Sterne; am Himmel hast du sie gebildet, hell leuchtend und kostbar und schön.
Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Wind, und durch Luft und Wolken und heiteres und jegliches Wetter, durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst
Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser, gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.
Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Feuer, durch das du die Nacht erleuchtest; und schön ist es und liebenswürdig und kraftvoll und stark.
Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns ernährt und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt mit bunten Blumen und Kräutern.
Auf den ersten Blick fällt die grenzenlose Verbundenheit aller Geschöpfe als «Schwestern» und «Brüder». Bei aufmerksamem Lesen stossen wir auf einen scheinbaren Widerspruch, nämlich in der Strophe von der Erde, die gleichzeitig als «Schwester» und als «Mutter» bezeichnet wird. Im Begriff der «Mutter Erde» erkennen Fachleute ein Echo aus dem mythischen Dunkel der Volksfrömmigkeit (womit wir wieder eine Parallele zu den – lateinamerikanischen – Urvölkern und ihrer «Pacha Mama» erkennen).
Im Übrigen spricht einiges für die wissenschaftliche These, dass sich Franz mit seinem Sonnengesang von der häretischen Bewegung der Katharer distanzierte. Diese sahen im Materiellen ein Werk des Teufels. Die Sterne betrachteten sie als die leeren Throne der gefallenen Engel. Nach einem andern häretischen Mythos waren Sonne und Mond sündig Liebende. Aus ihrer unkeuschen Verbindung sei der Tau hervorgegangen. Von hier aus verstehen wir, warum Franz das Wasser mit dem für uns eher seltsam erscheinenden Adjektiv «keusch» verbindet. Alles in allem: Das Lob auf die Schöpfung korrigiert die Irrlehre, wonach nur der Geist gut, das «Fleisch» (das Materielle) aber zu verachten sei.
 
Ausblick: Ich zögerte lange, ob ich die Geschichte von den Tauben (in einer andern Version ist es ein Schaf) anfügen solle, die Franz vom Schicksal befreit, verspeist zu werden. Doch dann war in allen Schweizer Zeitungen während Tagen die Fortsetzungsgeschichte vom jungen Stier zu lesen, welcher der Schlachtbank entfloh und dann von einem Buddhisten gekauft wurde, auf dass er seine Zeit «bis an sein natürliches Lebensende» friedlich verbringen könne.
Manche Tierschützer und sicher alle Vegetarier erwarten an dieser Stelle bestimmt eine Warnung vor dem Fleischverzehr. Da muss ich sie leider enttäuschen. Ist es nur meine Neigung zu «fleischlichen» Gelüsten, wenn ich mich nicht zum Vegetarismus bekehrt habe? Oder ist die Sache auch theologisch nicht so eindeutig? Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich mit dem Liverpooler Erzbischof Patrick Kelly am Rande eines Umweltkongresses führte. Wenige Tage zuvor hätten radikale Tierschützer ihn gebeten, den Fischfang als moralisch verwerflich zu deklarieren. Patrick meinte schmunzelnd, da habe er doch etwas Mühe, wenn er an Jesus und an seine Jünger denke, die bekanntlich Fischer waren …
Wahrscheinlich liegt aus franziskanischer – wie aus indianischer Sicht – die Lösung der vegetarischern Frage in einem Mittelweg: in Selbstbeschränkung und Reduktion.
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Am Sonntag um 17 Uhr  wird Joseph Bättig in unserer Klosterkirche/Wesemlin, Luzern über den Sonnengesang referieren. Eintritt frei.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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