Im hier bereits rezensierten Buch mit Gesprächen über «Gott und die Welt» (bibliographische Angaben s. unten) stiess Lukas Niederberger auf einen wichtigen Befund: Keiner der Gesprächspartner – ausser Jean Ziegler – glaubt daran, dass nach dem Tod noch etwas kommt. In seiner Würdigung im Romerohaus meinte Lukas, dies komme daher, dass die heutigen Menschen ein reich erfülltes Leben im Wohlstand haben – und nicht mehr darauf angewiesen sind, nochmals ein glückliches Leben zu führen:
«Die InterviewpartnerInnen unterscheiden sich meiner Meinung nicht weltanschaulich, sondern höchstens post-welt-anschaulich, nämlich in Bezug auf das Leben nach dem irdischen Tod. Für die einen (z.B. Peter Bichsel) wird das Leben mit dem letzten irdischen Atemzug endgültig ausgeknipst. Im Gespräch eben doppelte Peter Bichsel noch nach: «Mit dem Tod ist die Religion vorbei. Und ich will mich nach dem Tod auch nicht eine Ewigkeit lang langweilen. Diesen Habakuk nach dem Tod, das halte ich nicht aus.»
Für andere (z.B. Lukas Hartmann) geht das Leben als Liebesenergie oder als Wolke irgendwie weiter. Niemand hat im Interview den Glauben aber ein Leben nach dem Tod vertreten, wie es in praktischen allen Weltreligionen gelehrt wird.
Peter Stamm brachte es im Interview auf den Punkt: «Ich habe noch nie von einem Menschen gehört, der auch nur annähernd so gelebt hätte, als glaube er wirklich an Gott und das ewige Leben.»
Interessant finde ich, dass bei allen 27 Interviewten die menschliche Kontingenz kein ernsthaftes Problem darzustellen scheint – im Gegenteil. Es kommt uns gesättigten Bildungsbürgern offenbar eher entgegen, dass mit dem Tod alles aus ist. Menschen haben bis in die Moderne hinein auch und vor allem darum Religionen mit Götterwelten und Heilslehren entwickelt, um dadurch mit der Tatsache des zeitlich begrenzten Erdenlebens halbwegs fertig zu werden. Die Legitimation von Religionen basierte weitgehend auf der Kontingenzbewältigung. Die offiziellen, strukturierten Religionen wollten und wollen auch künftig mit der Verheissung von Himmel und ewigem Leben dem Menschen eine hoffnungsvolle Perspektive bieten. Religionen funktionierten bisher weitgehend auf Grund der Angst der Menschen vor dem irdischen Tod und auf Grund ihrer Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits – quasi als Kompensation für das diesseitige irdische Jammertal. Doch nach der Lektüre der 27 Interviews stelle ich fest:
Die Angst vor dem Tod ist tot. Und die Hoffnung, dass danach noch etwas Tolles folgt, praktisch inexistent. Dass das Leben mit dem irdischen Tod vorbei sein soll, stellt bei den Interviewten und vermutlich bei einem Grossteil der Menschen in unseren Breitengraden kein Skandalon mehr dar.
Ich frage mich: Hat das offenbar verloren gegangene Problem der menschlichen Kontingenzbewältigung damit zu tun, dass es uns in diesem Leben innerhalb einer übersättigten Gesellschaft allzu gut geht und dass wir dereinst mit grosser Wahrscheinlichkeit wie Hans Küng nicht als Sehnsüchtige und Hoffende, sondern als Lebenssatte und Lebensmüde abtreten werden? Für Lebenssatte stellt die Vorstellung von Auferstehung und ewigem Leben tatsächlich keinen Grund zur Hoffnung dar, sondern wirkt eher als eine Belastung und Bestrafung. Die Vorstellung von Auferstehung und Leben nach dem Tod scheint lediglich für jene Menschen ein Grund zur Hoffnung und zum Glauben zu sein, die im irdischen Leben auf der Schattenseite existieren und deren Sehnsüchte auf Erden weitgehend ungestillt sind.
Es scheint mir darum auch bezeichnend, dass allein Jean Ziegler, der wie kaum ein anderer die irdischen Ungerechtigkeiten kennt und benennt, wirklich an die Auferstehung glaubt und der Ansicht ist, nach dem Tod irgendwo und irgendwie erwartet zu werden.
Ich bleibe nach der Lektüre mit der Frage zurück, ob der religiöse Glauben im Allgemeinen letztlich daran stirbt, dass der Mensch seine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod verloren hat. Warum sollten wir auch noch auf ein Leben nach dem Tod hoffen, wenn wir uns bereits heute im Paradies fühlen und keine Lust auf mehr vom Gleichen im Jenseits haben?
Für Menschen auf der Sonnenseite des Lebens kann nach dem Tod in der Fantasie entweder nur ein sozialer Abstieg erfolgen oder es folgt einfach mehr vom Gleichen.
Oder etwas anders ausgedrückt:
Mit unserer verlorenen Hoffnung auf ewiges Leben bzw. unserer Abneigung gegen eine weitere Existenz legen wir quasi den Grundstein für eine neue Religion, deren Heilslehre darin besteht, dass mit dem irdischen Tod der Schalter ein für allemal ausgeknipst wird und dass wir endgültig abtreten dürfen und weder in einen Himmel noch in ein Nirvana reisen müssen, wo wir uns «eine Ewigkeit lang langweilen müssen» (Bichsel). Einfach Schluss, Stecker raus. Die Interviews zeugen von dieser neuen Religion, wie sie Hildegard Knef bereits vor Jahrzehnten besang:
«Glücklich, wer das Heute geniesst und, was vorbei ist, vergisst.
Es kommt, wie es kommen muss: Erst kommt der erste Kuss,
dann kommt der letzte Kuss, dann der Schluss.»
Vielleicht habe ich nun mit meiner Zuspitzung gleich die Idee für ein Fortsetzungs-Interview-Buch geliefert, wo es nicht mehr heisst: Wie hältst Du’s mit der Religion?, sondern: Machst Du bei der neuen Religion mit, wo wir nach dem Tod nirgends mehr hin müssen, weil wir dank des irdischen Wohlstands und der Lebenssattheit auf keine besseren Zeiten und keine posthume Kompensation mehr hoffen müssen?
Sie sehen: Das Buch hat in mir einige wichtige Fragen ausgelöst. Und das ist letztlich das Beste, was man über ein Buch sagen kann. Und so lebe und liebe ich nun die Fragen und hoffe – mit den Worten Rilkes –, dass ich allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein leben werde.» So weit Lukas Niederberger. Die Diskussion ist hier eröffnet.
Benno Bühlmann, Martina Läubli, Wolf Südbeck-Baur (Hrsg.) Wie hast du’s mit der Religion? Gespräche über Gott und die Welt. db-Verlag Horw/Luzern 2015. 206 Seiten.Fr. 32.80. ISBN 978-3-905388-46-6. Im Buchhandel erhältlich; kann auch portofrei direkt beim Verlag bestellt werden: info@db-verlag.ch Tel. 041 342 13 23.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/verdraengt-der-wohlstand-die-hoffnung-auf-ein-leben-nach-dem-tod/