Impulse für die Reform der Kirche/Vatikanum III.

Hier die Fortsetzung meines Textentwurfs für das Buch über den Aufbruch der Kirche/Vatikanum III. (Zusammenfassung der Schweizer Beiträge/Kirchenkonstitution Gaudium et spes)
II. PERSPEKTIVEN

Selbstverständnis der Kirche

Die Kirche versteht sich nicht mehr als Trutzburg, in sich gekehrt und von der «bösen Welt» streng abgegrenzt. Sie macht sich auf den Pilgerweg, geführt von Jesus Christus, der ihr Urgrund ist. Dabei orientiert sie sich am biblischen Ethos. Das Bild vom wandernden Gottesvolk verbindet sie mit dem alttestamentlichen Bundesvolk und erinnert an dessen Gotteserfahrung. Die Botschaft Jesu, der ein Mitglied dieses Volkes war, wurzelt darin.

Kirche im Dienst der Menschen

Die Kirche ist nicht ein Ofen, der sich selbst erwärmt. Ihre Wärme und ihr Licht müssen in die Welt hinein strahlen. Sie muss die «Zeichen der Zeit» ernstnehmen. Sie ist eine «Kirche für die andern» (Dietrich Bonhoeffer), indem sie die Würde des einzelnen Menschen verteidigt und beim Aufbau einer gerechteren, friedlicheren Gesellschaft mithilft. Die Kirche ist nur glaubwürdig, wenn sie die binnenkirchliche Sicht ausweitet. Auch ihr sakramentales Leben steht im Dienste der «andern».

Option für die Armen

Eine der schönsten Früchte des Konzils und ihrer Pastoralinstruktion ist die von der lateinamerikanischen Kirche vielfach bezeugte vorrangige Option für die Armen. Diese Grundausrichtung steht in der Tradition der grossen Propheten (Amos, Jesaja usw.). Die Mächtigen werden in die Schranken gewiesen. Die Rechte der Schwachen, Unterdrückten und Ausgeschlossenen kommen zum Durchbruch. So entsteht eine gerechte Weltordnung ohne zum Himmel schreiende Ungleichheiten zwischen Reichen und Armgemachten/Armgehaltenen.

Suche nach dem Reich Gottes

Die Verkündigung des Evangeliums an die Armen ist für Jesus ein Zeichen des anbrechenden Reiches Gottes. Priorität hat in dieser «neuen Welt» die Suche nach «der Königsherrschaft Gottes und seiner Gerechtigkeit». Die Kirche ist darum eingeladen, in der Kraft des Gottesgeistes sich mit den Bedrängten aller Art auf den Weg zu machen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Das Ziel ist eine «arme Kirche für die Armen». (Papst Franziskus)

Protest gegen die «Strukturen der Sünde»

Die Kirche darf sich nicht darauf beschränken, eine Spiritualität der Armut zu leben, so wichtig diese ist. Sie hat auch gegen die «Strukturen der Sünde» zu kämpfen, die Abermillionen von Menschen ins Elend stürzen. Im Geiste der Bergpredigt und ihren Seligpreisungen ist sie dazu berufen, menschenfreundliche Alternativen zur bestehenden Welt(un)ordnung zu entwickeln. Darum darf sie keine Hemmungen haben, in den politischen und weltwirtschaftlichen Diskurs einzugreifen. Denn «das Reich Gottes ist nicht indifferent gegenüber Welthandelspreisen.» (Johann Baptist Metz)
2. Teil folgt

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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