Wie gestern erwähnt, hat eine Gruppe aus der Schweiz im Buch über das «Vatikanum III. – «Aufbruch aus der Erstarrung» die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes zum Ausgangspunkt von Reformüberlegungen gemacht. Die Artikel stammen von Walter Kirchschläger, Leo Karrer, Helen Schüngel-Straumann u.a. Erwin Koller und ich wurden gebeten, die rund 30 Seiten thesenartig zusammenzufassen. Ich machte einen Entwurf, Erwin hat ihn überarbeitet. Heute ein 1. Teil meines Entwurfs. Was daraus geworden ist, könnt ihr im gestern angezeigten Buch nachlesen ……
A) Paradigmenwechsel
Der Paradigmenwechsel, den das Konzil mit ‹Gaudium et spes› einläutete, hat tiefgreifende Konsequenzen für den Dienst am Menschen (wie GS 3 Seelsorge umschreibt). Wenn Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi sind und nichts wahrhaft Menschliches in ihren Herzen keinen Widerhall findet (GS 1), heisst dies:
Die Praxis der Kirche ist gekennzeichnet durch eine grundsätzliche Offenheit auf die Welt hin, auf alle Menschen schlechthin (GS 2).
Das wahrhaft Menschliche ist Massstab des Handelns.
Menschen am Rand verdienen eine besondere Sorge.
Die Gemeinschaft der Kirche weiss sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte eng verbunden.
Die Kirche führt das Werk Christi selbst weiter, indem sie der Wahrheit Zeugnis gibt, rettet und nicht richtet, den Menschen dient und sich nicht bedienen lässt (GS 3).
B) Interpretation des Konzils
Der Streit um die «Hermeneutik der Kontinuität» und einer «Hermeneutik der Diskontinuität» führt nicht weiter. Auch die Konzilsdokumente haben ihren «Sitz im Leben». Hinter jedem Text ist die Absicht der Verfasser zu suchen – die Absicht der Konzilsmehrheit! Die Einschübe (Kompromisse an die Minderheit) dürfen dabei nicht die Richtung vorgeben. Das Prinzip des Aggiornamentos verlangt stets eine Neuinterpretation, ein kontinuierliches Fortschreiben der Texte auf dem Hintergrund der jeweiligen Zeit. Denn: «Das Konzil war erst der Anfang.» (Karl Rahner)
Fortsetzung folgt
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant