Sie alle wissen es: Es gibt auf der Welt so viele Flüchtlinge wie es sie vielleicht noch nie gab; jedenfalls noch nie seit dem Ende des 2. Weltkriegs. So berührt der heutige «Sonntag der Völker» ein höchst aktuelles Thema.
Ich erlaube mir eine erste Bemerkung zur Frage: Wie ist das Verhältnis von unserem Volk, dem Schweizer Volk zu andern Völkern? Zufällig stiess ich vor zwei-drei Tagen auf ein Wort unseres Nationaldichters Gottfried Keller. Wie Sie sich wohl noch erinnern, ist er der Dichter des berühmten Liedes »O mein Heimatland! … «. «Wie so innig, feurig lieb’ ich Dich!» lautet die zweite Zeile des Liedes, das der Dichter in Deutschland schrieb, als er Heimweh hatte.
Gottfried Keller schrieb später: «Misstrauet daher jedem Menschen, welcher sich rühmt, kein Vaterland zu kennen und zu lieben!»
Doch dann folgen Sätze, die sehr gut zum heutigen Sonntag der Völker passen. «Aber misstrauet auch dem, welchem mit den Landesgrenzen die Welt mit Brettern vernagelt ist.» Keller spricht dann von einer «zufälligen Geburt in diesem oder jenem Volke».
Und wie Recht hat er mit dieser «zufälligen Geburt». Niemand von uns konnte ja auswählen, als Schweizer/Schweizerin auf die Welt zu kommen und nicht als Syrer oder Afghanin. Schweizer zu sein ist kein persönlicher Erfolg; sondern eher ein Privileg, vor allem in der heutigen Welt, die gespalten ist in reiche und arme Gegenden.
…. Das Wort der Schweizer Bischöfe zum heutigen Tag ist überschrieben mit: «Kirche ohne Grenzen …» Darin heisst es: «Alle Getauften sollen das Bewusstsein pflegen, einer Kirche ohne Grenzen anzugehören.» Sie weisen darauf hin, dass der Begriff «katholisch» bedeutet: weltweit, den ganzen Erdkreis umfassend. Oder wie einer unserer Bischöfe öfters betont hat: «In der Kirche gibt es keine Ausländer.» Denn alle, gleich welcher Nation, gehören zum einen Volk Gottes.
Das ist nicht für alle selbstverständlich. Darum schreiben die Bischöfe: «Die Öffnung dem Andern gegenüber gehört zu den Konstanten der Kirche, zu ihrem Geist.» Und weiter: Wenn die Kirche sich nicht öffnet, wird sie zur Sekte.
Die Bischöfe wissen auch, dass die Öffnung auf die andern hin Ängste auslösen kann; die Angst etwa, die eigene Identität zu verlieren. Darum zitieren Johannes Paul II. mit den Sätzen: «Ich rufe die Länder zu einer grosszügigen Öffnung auf, die fähig ist, neue kulturelle Synthesen zu schaffen, anstatt die Zerstörung der eigenen Identität zu befürchten.»
«Neue kulturelle Synthesen schaffen»: Gewiss, ein recht abstrakter Begriff. Ich möchte ihn ganz banal aus dem Bereich der Essenskultur illustrieren: Die Italiener waren vor 50, 60 Jahren für viele in unserem Land eine Bedrohung. Heute geniessen die meisten von uns etwas, das sie zu uns gebracht haben: die Pizza.
So gäbe es noch unzählige Beispiele dafür, wie wir von den Fremden Dinge und Gewohnheiten übernommen haben, ohne unsere Eigenart aufzugeben. Oder: Welcher Schweizer fühlt sich als schlechter Landmann, weil er Pizza mit Vergnügen isst?
Und, was ganz, ganz wichtig ist: Fremde haben einst nicht nur Essensgewohnheiten zu uns gebracht; sondern auch den Glauben. Gerade in diesem Jahr erinnern wir uns daran, dass es in St. Maurice seit genau 1500 Jahren in der Abtei christliches Leben gibt. Soldaten der thebäischen, also ägyptischen Legion haben das Christentum zu uns gebracht – und durch das Opfer ihres Lebens bezeugt.
Wir sehen also: Der christliche Glaube ist keine europäische oder sogar schweizerische Frucht ist. Im Zusammenhang der Islam-Debatte hört man immer wieder, «fremde», «importierte» Religionen hätten bei uns keinen Platz. Aber eben: Auch das Christentum wurde importiert, und zwar aus Afrika, nämlich aus Ägypten. V (…)
Stans: Sonntag 9.30 Kloster St. Klara; 10.40 Pflegeheim Nägeligasse
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/die-pizza-und-der-sonntag-der-voelker/