Dezentralisierung ist nicht mehr ein Schimpfwort

Bald einmal – oder schon heute – kann man Kommentare zur Bischofssynode nicht mehr lesen. Alles wurde schon gesagt. Dabei ging etwas unter: die Ansprache des Papstes zum Abschluss der Synode. Der in Graz lehrende Schweizer Theologe Rainer Bucher hat die Ansprache unter dem Titel «Willkommen in der Postmoderne!» analysiert. Hier Auszüge daraus:
Wie immer man «Postmoderne» definieren mag, die römische Bischofssynode zeigt: Die katholische Kirche ist endgültig in ihr angekommen. Mit anderen Worten: Unausgleichbarer Widerstreit wird auch in ihr öffentlich. Natürlich gibt man das nicht gern zu und das Abschlussdokument der Synode findet bisweilen wirklich schöne Formulierungen, um damit halbwegs friedlich umgehen zu können – übrigens nicht der schlechteste Weg. Und natürlich wendet man sich ausdrücklich gegen den Relativismus, je mehr man selbst die eigenen Positionen lokal, temporär und situativ relativieren muss.
Aber wie immer: Papst Franziskus spricht aus, was der Fall ist, für römische Verhältnisse sogar ziemlich deutlich. Man habe «gesehen, dass das, was einem Bischof eines Kontinentes als normal erscheint, sich für den Bischof eines anderen Kontinents als seltsam, beinahe wie ein Skandal herausstellen kann – beinahe!». Und «was in einer Gesellschaft als Verletzung eines Rechtes angesehen wird, kann in einer anderen eine selbstverständliche und unantastbare Vorschrift sein». Ja: «was für einige Gewissensfreiheit ist, kann für andere nur Verwirrung bedeuten.» Denn: «Tatsächlich sind die Kulturen untereinander sehr verschieden, und jeder allgemeine Grundsatz …. muss inkulturiert werden, wenn er beachtet und angewendet werden soll.»
Nun sind wir gespannt, welche Konsequenzen Papst Franziskus aus diesen Einsichten ziehen wird. «Dezentralisierung» jedenfalls ist seit Kurzem in Rom kein Schimpfwort mehr.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/dezentralisierung-ist-nicht-mehr-ein-schimpfwort/