Ehe und Familie christlich. Eine zeitgemässe Sicht

In den letzten Tagen war ich «abgetaucht»: Kurzurlaub ohne Internet, TV und Telefon, und auch keine Zeitung. So konnte ich die Bischofssynode nicht mitverfolgen. Als ich zurückkam, fand ich einen Beitrag von Roland Hinnen vor – wir kennen ihn als gescheiten Kommentator dieses Blogs. Zum Thema:
Ehe und Familie, christlich.
Ich dürfe den Beitrag im Blog zur Diskussion stellen. Was ich sehr gerne tue. Hier der erste Teil.
Ehe wie Familie unter Christen unterscheiden sich im Vollzug kaum von den übrigen, es sei denn durch ihre Spiritualität. Auch unter Christen bleiben Ehe und Familie der Versuch, einem Ideal nachzuleben. Gläubige Partner und Kinder wissen sich tagtäglich gestützt von einem Gott, der ihnen selbst im Scheitern zugewandt bleibt.
 
1)      Ehe und Familie unter Christen sind zu begreifen in der Mentalität Jesu, als Lebenszelle des menschenfreundlichen Reiches Gottes. Es geht um die Nachfolge Jesu in diesem zentralen Bereich menschlichen Zusammenlebens. Eine christliche Ehe wird von den Partnern vor dem Angesicht des Gottes Jesu begonnen und gelebt. Als Geschöpfe wissen sie um die begrenzten Möglichkeiten.
 
2)      Die personale Partnerschaft von Mann und Frau ist eine Kostbarkeit (»heilig»), die aller Sorgfalt wert ist. Auch in der Ehe sind Frau und Mann gleichwertig, gleichwürdig und gleichberechtigt.
 
3)      Das Zusammenleben von Mann, Frau und Kindern (Familie) ist eine Kostbarkeit (»heilig»), die aller Sorgfalt wert ist.
 
4)      Der Geist (die Mentalität, die Spiritualität) im Zusammenleben von Ehepartnern und Familie ist Liebe im Sinn von Einander-dienen. In dem Mass, als sie praktiziert wird, wird die Ehe Sakrament (ganzheitliches Symbol der Liebe).
 
5)      Charakteristisch für die Ehe ist der ganzheitliche Vollzug. Der Partner (»Partner» meint hier sowohl Mann wie Frau) wendet sich mit seinem ganzen Wesen dem andern zu: mit Seele und Leib, mit Herz und Verstand, mit Emotionen und Wille, mit Erotik und Sexualität. Die Lust ist ein Geschenk ganzheitlicher Begegnung.
 
6)      Das Ziel der Ehe ist die weitgehende Eins-werdung in der gemeinsamen Bewältigung des Alltags. Mann und Frau werden gleichsam eine Ehe-Person (wie zwei Keim-Hälften einer Baumnuss) bei gleichzeitiger Entfaltung ihrer je eigenen Identität. Sie sind von ihrem Wesen her auf dieses Miteinander angelegt. Der Mensch ist ein Organismus von Mann und Frau, nur als Mann  u n d  Frau ganz Mensch. Wegen ihrer Geschöpflichkeit bleibt diese neue Menschwerdung ein lebenslanger Versuch.
 
7)      Ehe und Familie setzen ein hohes Mass an personaler Verantwortung füreinander und für das Kind voraus.
 
8)      Die Ehe ist ein Prozess, ein Weg, dynamisch. Jesus hat auch die Nachfolge (christlich leben) als Weg verstanden. Auf ihrem Weg zur Vollendung kann die Ehe aktuell auf verschiedenem Grad der Verwirklichung sein. Jeder Grad ist gut, solange das Ziel im Auge behalten wird. Die Realisation ist bis zum Tod unterwegs. Der Weg kennt ein Auf und Ab, ein Vor- und Rückwärts, ein Seitwärts. Gesetze mit ihrer Statik passen nicht auf prozesshaftes Leben. Die Ehe behält auch ohne Kind(er) ihren Sinn.
 
9)      Das Kind braucht die Liebesgemeinschaft der Eltern als Wiege. Ein Kind auf die Welt zu bringen ist die höchste Tat des Menschen. Sie setzt folglich höchste Verantwortung voraus. Ein Kind darf nur gezeugt werden, sofern die Voraussetzungen für seine gedeihliche Entwicklung gegeben sind (z.B. Erziehungsfähigkeit!). Es braucht Argumente nicht für die Verhütung, sondern für die Zeugung. Mann und Frau tragen dieselbe Verantwortung für ihr Kind.
 
10)   Das amtskirchliche Verständnis von Mt 19,6b  (»Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen.») als Gesetz (absolute Unauflöslichkeit) ist eine Fehl-Inter­pretation. Jesus verstand sich nicht als Gesetzgeber, seine Gebote sind Ziel-Gebo­te (»handelt so, dann werdet ihr glücklich.»). Zudem hat sich an der Hartherzigkeit der Menschen, die laut Jesus der Grund für den Scheidebrief ist (V. 8), auch unter Christen nichts geändert. Der Satz meint dasselbe wie Ein-Fleisch-werden (V. 5): Diese Ehe-Person entsteht nicht beim Abschluss, auch nicht im ersten Koitus, sondern – wenn überhaupt – in einem längeren Prozess gegenseitigen, empathischen Dienens; er bezieht sich zudem auf sämtliche Ehen, nicht bloss auf jene unter Christen.
Fortsetzung folgt morgen

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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