Jesus war vom Thema «Sexualität» genervt

«Man müsste mal eine Strichliste führen. Man müsste nachzählen, wer am meisten über Sex und Geschlechterverhältnisse redet. Gewiss, Pornografen würden auf der Liste ganz oben stehen, dicht gefolgt von pubertären Facebook-Nutzern. Aber knapp dahinter dürften die Religionsgemeinschaften stehen.» So beginnt Matthias Kamann in der «Welt» seinen Beitrag über das Thema «Kirche und Sexualität». Hier ein Abschnitt:
Selbst Jesus war von dem Thema genervt
Christen sollten sich erinnern, wie genervt Jesus auf dieses Thema (Sexualität) reagierte. Er hatte Regeln zur Geschlechtlichkeit gar nicht auf der Agenda, sondern wurde von aussen gedrängt, sich dazu zu äussern. Seinen ersten Schlüsselsatz zum Thema – «Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden» (Mk 10, 9) – sagt Jesus erst, nachdem ihn Pharisäer mit der Frage «versucht» hatten, wie er zum mosaischen Scheidungsgesetz stehe.
Auch seinen zweiten Schlüsselsatz, bezogen auf die Ehebrecherin – «Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein» (Joh 8, 7) –, spricht er unter pharisäischem Druck und zeigt dabei deutlich sein Desinteresse, schreibt er doch in jener Szene «mit dem Finger auf die Erde». Als habe er Wichtigeres zu erwägen. Nach jenem Satz bückte er «sich wieder und schrieb auf die Erde».
Zu erinnern ist zudem daran, dass Jesu Ziehvater Josef im Matthäusevangelium von Gott im Traum aufgefordert wird, Marias unklare Schwangerschaftsverhältnisse auf sich beruhen zu lassen und die Frau samt Kind in Liebe anzunehmen. In der Erwartung des Reiches Gottes.
Somit lässt sich das Christentum als Versuch auffassen, in der Erlösungserwartung die Religion vom Zwang zur Sexualitätssanktionierung zu befreien. Zwar müssen die Christen, je länger das Reich Gottes ausbleibt, sich zur irdischen Reproduktion verhalten. Aber wenn das zum Rückfall in Vorschriftentheologie führen würde, wäre der erlösungsbezogene Aufbruchsgeist des Christentums preisgegeben.
Wer hingegen in diesem Aufbruchsgeist auf die irdische Geschlechtlichkeit blickt, wird die meisten Streitereien über sexuelle Orientierungen oder Neuverheiratungen nach Scheidungen nebensächlich finden, zugleich aber den Menschen klarmachen müssen, wie sehr sie die Erfahrung der göttlichen Liebe in ihrer Liebe zum Partner als Ebenbild Gottes herausfordert. Derzeit jedoch scheint es, als wollten die Kirchen, statt die Menschen mit solchen Ansprüchen zu konfrontieren, lieber die Aufmerksamkeit auskosten, die ihnen irrelevante Sexualdispute bescheren.
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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