Ein Spezialist der Flüchtlingshilfe hat das Wort: Der Immenseer Missionar Eugen Birrer aus dem Luzerner Napfgebiet

Wie kaum ein zweiter Schweizer kennt sich der Luzerner Hinterländer Eugen Birrer in Flüchtlingsfragen aus. Der Immenseer Missionar arbeitet seit 35 Jahren im Rahmen des UNO-Flüchtlingsdienstes in Flüchtlingslagern und ähnlichen Einrichtungen. Im «Willisauer Boten» veröffentlichte er die folgende Kolumne. Er schlug mir vor, sie hier im Blog zu übernehmen. Was ich sehr gerne tue.
60 Millionen!
Wau! Das ist viel Geld. Nein, ich muss Euch enttäuschen. Dahinter stecken keine Franken oder Dollars oder Euros. Es handelt sich dabei um Kinder, Frauen, Männer, Menschen wie Du und ich. Sie alle haben eines gemeinsam, sie mussten ihre Heimat verlassen, mussten fliehen. Es sind Kriegs-Flüchtlinge, Hunger-Flüchtlinge, Wirtschafts-Flüchtlinge  und demnächst werden wohl Klima-Flüchtlinge dazu kommen.
«Viele davon sind Kriminelle, Diebe, Schmarotzer. Sie wollen nicht arbeiten, sind faul, wollen sich in unseren sozialen Hängematten bequem machen. Sie sollten so schnell wie möglich ausgeschafft werden.» So oder ähnlich sieht es ein Mann, der an der Zürcher Goldküste wohnt. Ich würde diesem Christopherus anraten, einmal nach Syrien oder Jemen oder in den Irak zu gehen. Dann müsste er einsehen, dass unsere Bundesrätin Simonetta Samaruga doch recht hat, wenn sie sich für diese Menschen einsetzt.
60 Millionen Flüchtlinge gibt es zur Zeit weltweit. So viele gab es noch nie seit dem zweiten Weltkrieg. Sie kommen vorwiegend aus Afrika und dem Mittleren und Nahen Osten. Sie waren geflohen, weil sie an Leib und Leben bedroht waren. Sie sind traumatisiert, waren Zeugen, wie Mitmenschen ihres Landes verfolgt, eingekerkert, gefoltert, vergewaltigt und geköpft wurden. Wir erleben zur Zeit eine richtige Völkerwanderung.
Einige EU Länder tun sich schwer, diesen Menschen Asyl zu gewähren. Sie bauen Mauern, Zäune mit Stacheldraht. Sie setzen Polizisten und Soldaten ein mit Wasserwerfern, Tränengas, Pfefferspray und Gummigeschossen. Die Ungarn bauen an der Südgrenze eine Mauer. Sie haben vergessen, dass nach dem Ungarnaufstand vom Oktober 1956 zehn Tausende in westliche Länder geflohen sind. Die Schweiz allein nahm damals über 20,000 Flüchtlinge auf. Sie waren willkommen. Darunter befanden sich gut Ausgebildete, Ärzte, Krankenschwestern, Ingenieure, Juristen. Sie haben sich schnell integriert, fanden Arbeit. Niemand hat von vorläufiger Aufnahme geredet.
Auch heute darf sich die Schweiz sehen lassen. Sie ist, proportional zur Bevölkerung unter den europäischen Ländern Spitzenreiter in der Aufnahme von Asylsuchenden. Aber viele Gemeinden tun sich schwer, Asylsuchende aufzunehmen. Es gibt erfreuliche Ausnahmen, etwa Muri bei Bern oder Zofingen im Kanton Aargau. Die Schweiz ist bekannt für Pünktlichkeit, Sauberkeit. Aber etwas mehr Gastfreundlichkeit würde ihr gut anstehen.
Im Mittleren und Nahen Osten gibt es Länder wie etwa Libanon, wo heute jeder vierte Einwohner ein Flüchtling ist. Viele sind verletzt, traumatisiert. Sie leben in überfüllten Zeltlagern. Es fehlt am Lebensnotwendigsten, Essen, medizinischer Versorgung. Kinder gehen nicht zur Schule. Da kann es nicht überraschen, wenn ihre Augen auf Europa gerichtet sind, in die Länder, wo Milch und Honig fliesst. Viele haben dort bereits Verwandte, Bekannte und Freunde, mit denen sie übers Internet und Handys in Kontakt sind.
Während den letzten 35 Jahren durfte ich Ländern wie Mosambik, Simbabwe, Somalia, Philippinen und Vietnam mit dem UNHCR im Flüchtlingsdienst arbeiten. Da habe ich die Gastfreundschaft dieser Länder kennen gelernt. Anfangs der 80er Jahre hatte das mausarme Somalia über 700 000 Flüchtlinge beherbergt. Meine Erfahrung mit diesen Flüchtlingen ist, dass die Allermeisten nur einen Wunsch haben,  eines Tages in ihre Heimat zurück kehren zu können. Sie haben Heimweh. Das Heimatland ist das beste Land, auch wenn es arm ist. Doch dazu braucht es Frieden, nicht nur ein paar Tage Waffenstillstand.
Auch Flüchtlinge, die während Jahren in westlichen Ländern gelebt haben, mussten erfahren, dass Geld und Wohlstand nicht unbedingt glücklich machen. Es gibt in der heutigen Welt Tausende von Millionären. Aber sind sie auch glücklich? Sie machen sich Sorgen um ihre Vermögen, Finanzkrisen. Stürzende Aktienmärkte machen sie krank, wahnsinnig. Da hat der kleine Bauer im Napfgebiet mit seinen Kindern, ein paar Kühen, Geissen oder Schafen geradezu ein friedliches, sorgloses Leben.
In den USA gibt es über zwei Millionen Kenianerinnen und Kenianer. Viele kehren zurück. Für schwarze Leute ist ein Land wie die USA kein Paradies, selbst wenn ein Afrokenianer namens Obama ihr Präsident ist. 
Schon Bruder Klaus hat angeblich seine Zeitgenossen und Zeitgenössinen gewarnt. Er, aber vermutlich sein Biograph hat gesagt: Macht den Zaun nicht zu weit. Das würde er wohl auch heute den Superreichen sagen. Oder einigen europäischen Politikern würde er wohl sagen, lasst im Zaun ein Loch, damit Menschen durchschlüpfen können.
Liebe Leserinnen, liebe Leser, zurück zu den Flüchtlingen und Asylsuchenden bei euch in der Schweiz. Was könnt ihr für diese arme Geschöpfe tun? Geld spenden? Ja, aber noch wichtiger ist es wohl, diesen Leuten menschlich zu begegnen, mit ihnen zu reden, ins Gespräch zu kommen, sie vielleicht sogar einmal zu einem Drink oder Essen einladen. Flüchtlinge, die in ihrem Leben Schweres durchgemacht haben, erzählen gerne von ihrer Vergangenheit. Sie wollen, wie man so schön sagt, den Kropf leeren. So werdet ihr zu einem Art Psychiater! Das wünscht Euch
P. Eugen Birrer SMB aus Kenia.
(narap@iconnect.co.ke)
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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