Der Schweizer Korrespondent der ZEIT führte mit dem Germanisten Peter von Matt und dem FDP-Politiker Franz Steinegger ein Gespräch über ein Land, das sich am liebsten in die Vergangenheit flüchtet – und sich vor den grossen Fragen drückt. Daraus einige Abschnitte als Denk-Anstöss:
Steinegger: Ich sagte kürzlich: Man müsste eine Art Apartheid in der Schweiz einführen. Wer die Masseneinwanderungsinitiative unterstützt hat, wird im Pflegeheim und im Spital nur noch von Leuten betreut, die ihre Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft seit 1291 nachweisen können – alle anderen würden normal behandelt. So würden viele die Vorteile der Zuwanderung schnell begreifen.
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Steinegger: Es gab eine verzugslose Ablösung des Feindbilds Moskau durch das Feindbild Brüssel. Das ist verhängnisvoll. Als wollte die EU morgen in die Schweiz einmarschieren und den Gotthard besetzen.
Von Matt: In der Schweiz hätten sehr viele Leute Freude daran, wenn es in der EU zur grossen Katastrophe käme.
Steinegger: Oder nur schon die Idee, die viele haben, dass die EU etwas von uns wolle. Und nicht wir von ihr. Wir müssen denen nicht den Meister zeigen, sondern ein Arrangement finden, wie wir mit ihnen zurechtkommen. Und zwar festgezurrt in Verträgen, damit es für uns kalkulierbar ist. Solange es denen gut geht, profitieren wir auch.
Von Matt: Vor 14 Tagen war ein Inserat in der Zeitung: ein grosser Haifisch, angeschrieben mit «EU», daneben ein Fischlein, angeschrieben mit «Schweiz». Und der Hai wollte den Fisch fressen.
Steinegger: So birreweich!
Von Matt: Dahinter steckt Grössenwahn: Die Schweiz lebt heute in einem psychopathologischen Zustand. Als starre die EU auf die Schweiz und wolle sie irgendwie vereinnahmen. Wenn die Schweiz nur einmal merken würde, dass sie der EU ziemlich wurscht ist. Klar, es gibt gewisse wirtschaftliche Interessen. Aber sonst denken die doch: «Ach …»
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ZEIT: Verstehe ich Sie beide richtig: Wir sollten weniger über unsere Vergangenheit und mehr über unsere Gegenwart diskutieren?
Von Matt: Die Frage ist, über welche historischen Themen wir reden. Ich kann mich nicht erinnern, dass je über die Bauernkriege von 1653 diskutiert worden wäre. Darüber, dass die grossen Städte Luzern, Bern und Zürich ihre Bauern regelrecht «verseckelt» haben. Die Bauern drohten, die Städte zu blockieren, weil sie zu viele Steuern zahlen mussten. Da haben ihnen die Städter Frieden versprochen, doch als sie sich zurückzogen ins Entlebuch oder ins Emmental, hat man sie verfolgt, gefangen genommen, gefoltert und geköpft! Aber was schreiben diese Geschichtsbegeisterten heute in den Zeitungen? Seit 1291 herrsche Frieden in der Schweiz, wir seien immer gut miteinander ausgekommen, wir hätten uns alle gern gehabt! Und die Bösen, die seien immer von aussen gekommen, die hätten wir dann gemeinsam bekämpft – und dann sei alles wieder schön gewesen. Das ist lupenreiner Gugus!
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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