2 Frauen-Portraits; und: über Sexuelles in Ehrfurcht schweigen!

Lydia Guyer-Bucher: Rosi und Anna. Roman. pro libro Luzern 2015. ISBN 978-3-905927-44-3. 180 S., ca. Fr. 34.-
Lydia Guyer Bucher erzählt die Geschichte zweier Frauen, die 1873 auf der Luzerner Landschaft geboren wurden und 1944 starben. Sie lebten also zu einer Zeit, da das weibliche Ideal im selbstlosen Dienen bestand. Und auch fromm sollten Frauen sein. Der Autorin gelingt es in ihrem Zeitgemälde, das bisweilen an Gotthelf erinnert, Land und Leute detailreich und anschaulich zu schildern. Ein besonderes Profil erhalten Glaube und Aberglaube sowie die Sexualunterdrückung in einer ländlich geprägten Gesellschaft. Eine ferne, fremde Welt? Wer nicht mehr ganz jung ist und in ähnlichen Gegenden aufwuchs, erinnert sich fast Seite für Seite an die eigene Lebensgeschichte.
Zitat
Über das Geschlechtliche ehrfurchtsvoll schweigen
Ich vernahm, was die Bischöfe in ihren Hirtenschreiben zur Aufklärung über geschlechtliche Dinge sagten und was der Herr Pfarrer die Jugendlichen aufschreiben liess: «Wer das Geschlechtliche in die Öffentlichkeit zerrt, reizt schon im Kind die böse Lust. Damit wir Jugendlichen das Schamgefühl nicht verlieren, ist es wichtig, dass wir lernen, in Ehrfurcht über diese Dinge zu schweigen.»
Also schwieg auch ich. Weil die Bischöfe es so befahlen. Ich sprach mit Agnes nicht über das Geschlechtliche, obwohl ich es hätte vermeiden wollen, dass sie wie ich unvorbereitet in die Hochzeitsnacht hineinstolperte.
Lydia Guyer-Bucher: Rosi und Anna

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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