Welchen Stellenwert hat die Bibel für heutige sexualethische Fragestellungen? (Weiter im Text von Stefan Scholz)
Eine Verurteilung gleichgeschlechtlicher Praktiken als einfache Anwendung einschlägiger biblischer Aussagen ignoriert sowohl aktuelle humanwissenschaftliche Erkenntnisse zu sexuellen Identitäten als auch historisch-kritische Forschungen zu antiken Sexualkonzepten. Ist Homosexualität nun unbiblisch?
Bezogen auf das, was damals vorstellbar war und praktiziert wurde: gewiss. Heutige homosexuelle Partnerschaften, die Verantwortung füreinander übernehmen, mit und ohne Kinder, sind aber etwas völlig anderes. Es wäre daher gerade verantwortungslos und ehrabschneidend, ihnen die christliche Legitimation ihres Lebenskonzeptes zu bestreiten.
Die evangelische Kirche hat hier bereits einen anderen Weg vorgeschlagen, wenngleich von heftigen Kontroversen begleitet, was bei diesem Thema nicht sonderlich überraschend ist. In ihrer Orientierungshilfe «Zwischen Autonomie und Angewiesenheit» von 2013 verzichtet sie bewusst auf eine wortwörtliche Übernahme biblischer Regeln und Verbote. Stattdessen leitet sie vom Liebesgebot Jesu das Kriterium der Beziehungsgerechtigkeit ab, welches ausloten soll, ob eine zwischenmenschliche Verbindung gottgefällig ist oder nicht.
An diesem Kriterium lassen sich gleichgeschlechtliche Partnerschaften ebenso messen wie eine Ehe zwischen Mann und Frau, die ja keineswegs von sich aus schon eine erfüllte Form des Zusammenlebens ist. Die Bibel behält damit ihre orientierende Kraft, sie wird als Lernbuch verstanden, die das eigene kritische Nachdenken aber nicht ersetzt, sondern bereichert.
Der katholischen Kirche sind hier grössere Hürden gesetzt. Das klassische Verständnis der Ehe als Sakrament bietet weniger Spielraum für eine wirkliche (!) Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensformen und weiterer Familienverbünde jenseits von Ehegemeinschaften. Der hohe Stellenwert der Tradition verhindert einen offenen Dialog mit veränderlichen Lebenswelten. Freiheit scheint hier stärker gebunden zu sein. Man sollte daher von der Familiensynode im Herbst nicht zu viel erwarten. Zu wünschen wäre es freilich sehr.
PS von WLu. Kürzlich beklagte Kurt Koch, die christlichen Kirchen würden in ethischen Fragen nicht mit einer STimme sprechen. Er meinte wohl, die andern sollten ihre Positionen doch endlich jenen der katholischen anpassen.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/homosexualitaet-iii-gibt-die-bibel-wirklich-keine-brauchbaren-antworten/