Die Fundamentalisten jeglicher Couleur wissen es ganz genau: Die Bibel verurteilt die Homosexualität aufs schärfste? Wirklich? Hier die Fortsetzung des Beitrags von gestern, von Stefan Scholz (in Deutschland zensiert…)
Lässt sich das, was in der Bibel ganz selbstverständlich verurteilt wird, mit heutigen homosexuellen Beziehungen vergleichen?
Die Sichtweise und das Verständnis von Homosexualität haben sich in der Vergangenheit mehrfach geändert. Galt sie bis in die Neuzeit hinein als schwere Sünde und Lästerung des Schöpferwillens, derer man sich nur mit dem rechten Glauben und notfalls auch durch das Feuer wehren konnte, so wurde sie mittels des Siegeszugs der Medizin im 19. Jahrhundert dann vornehmlich als Krankheit, Perversion und psychische Störung aufgefasst.
Heilung hiess nun die Strategie, um den Befallenen zu helfen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO strich erst 1992 Homosexualität von ihrer Liste geführter Krankheiten. Heute betrachten die meisten Forscher und Forscherinnen Homosexualität als Variante in der Evolution. Es gibt sie bei Tieren ebenso wie bei uns Menschen, die Ursachen bleiben unklar, weder konnte ein Schwulen-Gen ausgemacht werden noch gibt es einen gesicherten Zusammenhang zwischen Erziehung und Homosexualität.
Völlig absurd aus heutiger aufgeklärter Sicht ist die Verbindung von Homosexualität und moralischem Fehlverhalten. Springen wir von hier nun in biblische Zeiten, die keineswegs als geschlossene Einheit zu sehen sind, dann zeigen sich weitere Verschiebungen im Verständnis von Sexualität und Homosexualität.
Volles Menschsein war gemäss der Gottebenbildlichkeit nach 1Mose 1,27 nur in der Einheit von Mann und Frau vorstellbar. Der Zielpunkt der Sexualität wurde klar in der Fortpflanzung gesehen, sodass ein Mann auch mehrere Frauen haben konnte, vgl. 1Mose 16. Paulus beschrieb die Ehe zwischen Mann und Frau in 1Kor 7 als reines Zugeständnis an den Trieb, besser jedoch sei ein enthaltsames Leben.
Gleichgeschlechtliches Verhalten galt pauschal als unjüdisch und später auch als unchristlich (s.o.). Biblische Schriftsteller, zumal in neutestamentlicher Zeit konnten hierzu Folgendes vor Augen gehabt haben: Im antiken Griechenland und Rom war gleichgeschlechtliches Verhalten vor allem Sexualverkehr eines erwachsenen Mannes mit einem Jungen im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, in Ausnahmefällen vielleicht auch bis 28 Jahren. Der Ältere musste aktiv, der Jüngere passiv sein – alles andere galt als entehrend und bot schnell Stoff für Gespött, Intrigen und Erpressungen.
Der prominenteste Regelverstoss sicherlich wurde Julius Cäsar zur Last gelegt, da er dem unterworfenen König der Bythinier als passiver Geschlechtspartner gedient haben soll. Das asymmetrische Verhältnis zeigte sich nicht nur im Altersunterschied: In Griechenland waren es häufig Lehrer-Schüler-Beziehungen, in Rom dagegen hatten oft Sklaven den unterlegenen Part zu übernehmen.
Daneben gab es auch berufsmässige männliche Prostitution. Weibliche Homosexualität gab es in der Antike ebenfalls, sie ist allerdings weit weniger dokumentiert und galt allgemein als ausgesprochen verdächtig. Denn Frauen konnten eigentlich nur eine einzige erlaubte Art sexuellen Verhaltens haben: Sie mussten im Dienst des Mannes stehen und passiv sein.
Von diesen knappen Skizzierungen aus können wir eine Ahnung davon erhalten, was im kulturellen Umfeld der Bibel mit Homosexualität verbunden war und wovon sich die Texte des Alten und Neuen Testaments unmissverständlich abgrenzten. Die Andersartigkeit dessen, was hier unter gleichgeschlechtlichem Verhalten, aber auch Sexualität insgesamt verstanden wird, führt zu einem ganz grundsätzlichen Nachdenken hinsichtlich der Bedeutung biblischer Aussagen in diesem Zusammenhang.
Fortsetzung folgt am Montag
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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