Eine allzu flotte Reform der katholischen Kirche wäre wohl ein sicherer Weg ins Chaos. Und Chaos gebiert Diktatoren. Diese Meinung vertritt Peter Paul Kaspar in der österreichischen «Presse». Er ist keineswegs ein Konservativer, eher ein «altgedienter» Kirchenrebell. – Auch mein Mitbruder Niklaus Kuster vertritt eine ähnliche Auffassung. S. Blog vom 23. Mai
Es ist eine prekäre Existenz, auf einen Thron gehoben zu werden, auf dem man nicht sitzen will. Franziskus – Selbstbezeichnung nicht Papst, sondern Bischof von Rom – könnte die katholische Kirche autoritär regieren, will es aber nicht. Er könnte als unfehlbarer Dogmatiker seine Glaubensgemeinschaft belehren, will aber kein theologischer Oberlehrer sein. So bleibt er für viele ein Rätsel.
Er meidet den Vatikanischen Palast, wohnt in der Casa Santa Marta unter Gästen und Besuchern und verhält sich fallweise wenig standesgemäss. Das könnte eine Altersmarotte eines allzu hoch aufgestiegenen Kirchenfunktionärs sein, aber auch bewusste Strategie, in Verhalten und Redeweise etwas zu signalisieren, das er nicht ausdrücklich sagen will oder auch gar nicht sagen darf.
Denn – und das kann durchaus angenommen werden – würde er öffentlich erklären, er wolle kein unfehlbarer Oberlehrer und kein Oberbefehlshaber der Kirche sein, wäre wohl eine vatikanische Palastrevolte zu befürchten. Was also muss ein Papst tun, der keiner sein will, es aber – immerhin mit grosser Mehrheit gewählt – sein muss?
Ermunterung der Reformer
Um es in eine ganz simple Formel zu giessen: Er muss Personen und Gremien der obersten Führungsebene suchen, die Reformanträge stellen, damit er sie dann absegnen kann. Auf die Vergleichsebene «Diktatur oder Demokratie» gehoben: Der Diktator darf nicht selbst die Demokratie ausrufen – sonst würde er von den konservativen Autoritären gestürzt. Doch er kann die Reformer ermuntern, Reformen vorzuschlagen. Die kann er dann – um im Schema diktatorischer Strukturen zu bleiben – gnädig abnicken.
Weltlich geredet: Diktatoren, die nicht diktieren, werden abgesetzt, ermordet oder – wenn sie schon alt und im Amt ergraut sind – symbolisch eingeschläfert. Doch dafür ist Franziskus als Oberhaupt der katholischen Kirche trotz seines hohen Alters noch zu jung im Amt. Das riskante Vorhaben, eine Diktatur wenigstens einigermassen zu demokratisieren, hat Franziskus schon längst eingeleitet. Auch, indem er sich nicht als Papst, sondern als Bischof von Rom bezeichnet: als der Vorsitzende und der Sprecher einer gemeinsamen Kirchenleitung.
Die ersten Schritte waren erkennbar: Errichtung einer international besetzten Kardinalskommission für Strukturreformen, Einberufung und Aufgabenstellung einer Bischofssynode für Familienfragen, Wechsel im Leitungspersonal der Kurie. Das tut Franziskus mit Augenmass und Diplomatie – etwa bei der institutionellen Bestätigung als Versuch hierarchischer Zähmung seines wahrscheinlich potentesten Gegenspielers: Dogmenkardinal Gerhard Ludwig Müller.
Viele, die nun seit über zwei Jahren die Reformglocken läuten hören, scharren ungeduldig im Reformgehege – so auch meine Freunde und Freundinnen in der Pfarrer-Initiative und in der Plattform Wir sind Kirche. Doch eine allzu flotte Reform der ältesten international verfassten Institution der Welt wäre wohl ein sicherer Weg ins Chaos. Und das Chaos gebiert vor allem Diktatoren.
Als greiser – und unerkannt weiser – Kirchenführer muss Franziskus mit seinen Reformern den legendären «langen Marsch durch die Institution» antreten. Selbst wird er wohl nur die erste Strecke anführen können – in der Etappe und nicht an der Spitze, wie Strategen ja immer schon wussten.
Franziskus wird also nicht als der starke Kirchenreformer in die Geschichte eingehen, sondern als der kluge Initiator einer – mit seinem Segen – sich selbst reformierenden Kirche (aus meiner persönlichen Sicht: hoffentlich!).
Fortsetzung folgt
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/zu-rasche-kirchenrerformen-fuehren-ins-chaos-peter-paul-kaspar/