Kirche und Gesellschaft: Wer muss sich wem «anpassen»?

Gleich 2 Bischöfe haben in den letzten Tagen davor gewarnt, die Kirche dürfe sich nicht der Welt anpassen: Kardinal Müller und Weihbischof Eleganti.
Hier zuerst Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der sich noch und noch wiederholt: Er  warnte vor einer Anpassung der katholischen Lehre zu Ehe an den Zeitgeist in Europa. Die Kirche könne ihre Lehre über die Sakramentalität der Ehe nicht ändern: Man verspreche Treue bis zum Tod.
Weihbischof Marian Eleganti bläst in einem Meinungsbeitrag des Tages-Anzeigers ins selber Horn. Es käme schief heraus, wenn die Kirche die Forderungen des Zeitgeistes übernähmen. Vielmehr müsse die Kirche «die Lehre» vertreten.
Nun, lieber Eugenio (ich lernte vor fast 40 Jahren den Studenten Eleganti kennen, der damals noch diesen Namen trug):  Selbstverständlich wäre es dumm, wenn die Kirche sich bloss damit begnügte, die (Un)Werte der Gesellschaft zu wiederholen. Es würde sie dann nicht mehr gebrauchen.
Aber: Was ist die Lehre? Nehmen wir das Beispiel Homosexualität: Jesus hat dazu nichts gesagt. In den Briefen des NTs steht dazu Zeitbedingtes. Noch schlimmer im Alten Testament, etwa die horrende Stelle von Genesis 19,1-29. Lot bekommt Besuch von zwei Männern. Als Männer der Umgebung dies hören, wird’s dramatisch:«Wo sind die Männer, die heute Abend zu dir gekommen sind? Heraus mit ihnen, wir wollen mit ihnen verkehren.» Lot nennt dieses Vorhaben ein «Verbrechen» und versucht, die Sodomiter mit dem Angebot davon abzubringen (v. 8): «Seht, ich habe zwei Töchter, die noch keinen Mann erkannt haben. Ich will sie euch herausbringen. Dann tut mit ihnen, was euch gefällt. Nur jenen Männern tut nichts an; denn deshalb sind sie ja unter den Schutz meines Daches getreten.»
Es ist offensichtlich: Diese und andere Stellen, die zur Verurteilung der Homosexualität herangezogen werden, meinen etwas ganz anderes als gleichgeschlechtliches Verhalten. Es geht um Vergewaltigung. Niemand käme auf den Gedanken, daraus abzuleiten: «Wenn Männer andere Männer vergewaltigen, ist dies das schlimmste Verbrechen. Es wäre gescheiter, sie würden sich Frauen dafür aussuchen. Dies wäre keine widernatürliche Unzucht.»
Nun, so blöd ist niemand. Aber blöd genug, um nicht zu sehen, dass die Wissenschaft die Homosexualität als vielfach vorkommende Varianten der Sexualität entdeckt hat.
Zurück zur LEHRE der Kirche. Diese wird erst dann glaubwürdig, wenn sie die Erkenntnisse der Wissenschaft ernst nimmt; wenn sie etwas von der «Welt» lernt, bevor sie Dinge lehrt, die völlig an der Wirklichkeit vorbei gehen.
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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