Zwei Kardinäle haben gleich am Beginn des Konzils entscheidend zu dessen weiterem Verlauf beigetragen: Achille Kardinal Liénart aus Lille (1884–1973) und der Kölner Josef Kardinal Frings (1887–1978). Als Mitglieder des zehnköpfigen Konzilspräsidiums erreichten sie es schon auf der ersten Arbeitssitzung des Konzils, dass die anwesenden Bischöfe mehr werden konnten als «Abnicker» eines im Vorhinein festgelegten Programms. Das war – in der Rückschau – nicht weniger als die praktische Umsetzung eines neuen Verständnisses der Rolle der Bischöfe in der Kirche. Dieses Verständnis wurde erst in den folgenden Jahren vom Konzil in Worte gefasst.Der Franzose Achille Liénart war der erste, der den Aufstand probte. Wenngleich man seinem Latein wegen seines schweren französischen Akzents nur mit Mühe folgen konnte, erregte seine Aussage hohe Aufmerksamkeit: eine gruppendynamische Sprengladung, als deren Ergebnis eine höhere Beteiligung und Mitsprache der Bischöfe auf dem Konzil gelten kann.Dass Liénart auch ansonsten um klare Worte nicht verlegen war, zeigte sich in den wenig diplomatischen Worten der Ablehnung des Offenbarungsschemas: «Hoc schema mihi non placet.» (Dieses Schema gefällt mir nicht.)Vor dem Hintergrund einer seit Ultramontanismus und Erstem Vatikanum extrem papstzentrierten Kirche muss das Auftreten des damals fast achtzigjährigen Kardinals auch als Zeichen eines erstarkenden Selbstbewusstseins der Bischöfe gegenüber dem Papst interpretiert werden. Liénarts Beiträge bei der zweiten Konzilssession gehen in diese Richtung: das Bischofsamt leite sich nicht vom Papst ab, sondern vom Kollegium der Apostel, zu dem auch Petrus gehört habe. Bischöfe seien keine Untergebenen.(ab; Le 32-34)
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