Die skandalöse Begegnung zwischen Johannes Paul II. und Erzbischof Romero

Etwas vom Schlimmsten in den Beziehungen zwischen den lateinamerikanischen Befreiungschristen und dem Vatikan unter Johannes Paul II. ist die Begegnung von Erzbischof Romero (gestern vor 35 Jahren ermordert) mit dem Papst. Obwohl Romero sich sorgfältig bemüht hatte, eine Audienz zu erhalten, wusste man in Rom nichts von seinem Wunsch. Er wurde in allen Büros abgewimmelt.
Dann beschloss er, den Papst in der Generalaudienz direkt anzusprechen. Romero ergriff die Hand des Papstes und vorstellte sich vor. Ehe er mehr sagen konnte, warnte ihn der Papst: «Hüten Sie sich vor dem Kommunismus»! «Aber…» Und der Papst erneut: «Hüten sie sich vor dem Kommunismus!»
Am nächsten Tag kam es zur Privataudienz. Romero zeigte Johannes Paul II. das Foto eines von der Regierung El Salvadors brutal ermordeten Priesters:
– Sehen Sie, wie Sie sein Gesicht zertrümmert haben!
Der Papst starrt auf das Foto und fragt nicht nach. Er schaut danach in die feuchten Augen des Erzbischofs und zieht die Hand zurück, als wollte er die Dramatik des vergossenen Blutes vergessen machen.
– Wie grausam sie ihn doch getötet haben und dann sagen sie auch noch, er war ein Guerrillero… – Und war er vielleicht keiner? – antwortet kühl der Papst.
Monseñor Romero nimmt das Foto zu sich, von dem er so viel Mitgefühl erwartet hatte. Etwas lässt ihn die Hand zittern: Es muss sich um ein Missverständnis handeln. Die Audienz geht weiter. Während sie sich gegenüber sitzen, beharrt der Papst auf einer einzigen Idee:
– Sie, Herr Erzbischof, müssen sich um eine bessere Beziehung zur Regierung ihres Landes bemühen!
Monseñor Romero hört ihm zu und seine Gedanken schweifen nach El Salvador und er denkt daran, was die Regierung seines Landes mit dem Volk seines Landes anstellt. Die Stimme des Papstes bringt ihn zur Wirklichkeit zurück.
– Eine Harmonie zwischen Ihnen und der Regierung von El Salvador ist das, was Christen in dieser Zeit der Krise am meisten befolgen müssen.
Der Bischof hört weiter zu. Es sind Argumente, mit denen er bis zum Überdruss schon von anderen kirchlichen Würdenträgern angegriffen worden war.
– Wenn Sie die Differenzen mit der Regierung beheben könnten, wäre dies ein christlicher Beitrag zur Erlangung des Friedens.
Der Papst besteht so hartnäckig darauf, dass der Erzbischof beschliesst, nicht mehr weiter zu zuhören und bittet um das Wort. Er spricht schüchtern, aber überzeugt:
– Aber, Heiliger Vater, Christus sagt uns im Evangelium, dass er nicht nur gekommen ist, um den Frieden zu bringen, sondern auch das Schwert.
Der Papst fixiert Romero mit seinen Augen:
– Übertreiben Sie nicht, Herr Erzbischof!
Es gab keine weiteren Argumente und die Audienz war zu Ende.
PS: Ein Mann, der so gefühllos auf die Unterdrückung unschuldiger Menschen reagierte, wurde heiliggesprochen.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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