«Aus Gnade seid ihr gerettet.» Dieser Satz aus der heutigen Lesung (Epheserbrief) tönt zwar einfach, ist aber inhaltsreich. Zuerst muss gestehen, dass ich mit dem Wort «Gnade» etwas Mühe habe. Es wirkt so abgegriffen. Immer wieder kommt es in den offiziellen Gebeten vor, zum Beispiel wenn es jetzt in der Fastenzeit fast in jedem zweiten Gebet heisst: «Du schenkst uns die Gnade, dem Osterfest in Busse entgegenzugehen.»
Darum habe ich mir kurz nach der Priesterweihe vorgenommen, das Wort Gnade nach Möglichkeit zu ersetzen. Im erwähnten Beispiel bete ich etwa «Du schenkst uns die Kraft …»
Aber in der heutigen Lesung steht es nun mal, dieses Wort Gnade. Wie können wir es verstehen? Vielleicht hilft uns der Begriff «Begnadigung». Wenn Strafgefangene Glück haben, werden sie nach einer gewissen Zeit «begnadigt», also vorzeitig entlassen. Wenn es bloss nach dem Recht ginge, müssten sie vielleicht noch weitere Jahre absitzen. Nun aber wird ihnen diese Haftzeit geschenkt.
Darum können wir Gnade als Geschenk definieren. Gott schenkt uns etwas, auf das wir kein Anrecht haben. Oft vergessen wir es, dass wir von Gott Beschenkte sind und letztlich auf ewig beschenkt werden. Ältere Menschen, die viel leiden müssen, haben früher gesagt und sagen es vielleicht heute noch: «Mit etwas muss ich ja den Himmel verdienen.» Ihnen ist entgegenzuhalten: «Ein Himmel, den wir uns verdienen könnten, wäre ein armseliger Himmel.»
Jesus, zu dir kann ich kommen, wie ich bin. Du hast gesagt, dass jeder kommen darf.
Ich muss dir nicht erst beweisen, dass ich besser werden kann. Was mich besser macht vor dir, das hast du längst getan.
Und weil du mein Zögern siehst, streckst du mir deine Hände hin, und ich kann so zu dir kommen, wie ich bin.
Zuletzt ein wichtiger Gedanke: Luther und andere Theologen haben uns vor der «billigen Gnade» gewarnt. Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel setzt sich für eine teure Gnade ein, «welch die Nachfolge» einschliesst. Dies meint: Wir sind zwar als Begnadete Beschenkte. Doch trotz allem müssen wir etwas tun.
Auch hier erzählt uns Jesus eine einleuchtende Geschichte: Ein Mann wird eine unvorstellbar hohe Summe an Schulden verlassen. Unmittelbar darauf trifft er jemanden, der ihm eine weitaus kleinere Summe schuldet. Er wirft ihn ins Gefängnis, bis der letzte Rappen bezahlt ist.
Wir sind uns einig: So geht es nicht. Im Klartext: Weil wir Beschenkte sind, ziemt es sich, dass wir auch andere beschenken.
Auch am Schluss der heutigen Lesung steht, dass wir zwar nicht auf Grund von Leistungen gerettet sind und trotzdem etwas leisten müssen: «Gottes Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im Voraus bereitet hat.»
Ein seltsamer Satz. Er fasst aber unsere Überlegungen zusammen: Wenn wir etwas tun, können wir es nur tun, weil Gott uns die Kraft – oder eben die Gnade dazu schenkt.
(Elisabethenheim, Luzern; Kloster St. Klara und Pflegeheim, Stans)
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant