Das christliche Abendland sei in Gefahr, sagte mir schon vor fast 50 Jahren ein (konservativ denkender) Schulfreund, als wir bei einem Stadtspaziergang die Reklame für einen Film sahen, der – damals – als etwas frivol galt. In den letzten Monaten war noch und noch der Untergang des Abendlandes angesagt; nicht nur während den unsäglichen Demos der Islam/Fremdengegner in Dresden und anderswo.
Dabei ist der Ausdruck nicht viel mehr als eine Nebelpetarde. Er bedeutet alles und nichts. Dazu das Publik-Forum:
«Das Abendland ist keine statische Grösse im Fluss der Geschichte, die immer gilt. Dessen wichtigste Wurzel, die jüdisch-christliche Tradition, stammt aus dem »Morgenland« – und man kann mit Recht bedauern, dass Länder wie Syrien oder die Türkei, in denen sich das frühe Christentum ausbreitete, heute nicht mehr christlich sind. Wären sie es, gehörten sie dann zum Abendland?
Eine weitere gute Fragen im zitierten Artikel von Hans Torwesten: «Waren die Mauren in Spanien nicht toleranter als die Inquisition? Und wenn Toleranz und Offenheit heute zu den abendländischen Werten gehören – hat dann die maurische Herrschaft in Andalusien, unter der Muslime, Christen und Juden relativ friedlich zusammenlebten, diese Werte nicht besser verteidigt als die spätere spanische Inquisition mit ihren Verfolgungen und Folterungen? Dass arabische Philosophen wie Averroes (1126-1198) und Avicenna (um 980-1037) durch die Vermittlung griechischer Philosophie die Hochscholastik erst möglich machten – von den arabischen Fortschritten in der Medizin ganz zu schweigen –, hat sich vielleicht sogar bis Dresden herumgesprochen.» Fazit: Operieren wir weniger mit nebulösen Ausdrücken. Und hinterfragen wir, woher die Werte kommen, die wir beschwören.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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