«Wir wissen, dass es an diesem Heiligen Stuhl schon seit einigen Jahren viele gräuliche Missbräuche in geistlichen Dingen und Exzesse gegen die göttlichen Gebote gegeben hat, ja, dass eigentlich alles pervertiert worden ist.»
Nein, diese Sätze stammen nicht aus der berühmt-berüchtigten Ansprache von Papst Franziskus an die Kurie. Sie sind viel älter: Sie stammen von Papst Hadrian VI. (1522-1523. Weiter in seinem Text: «So ist es kein Wunder, wenn sich die Krankheit vom Haupt auf die Glieder, das heisst von den Päpsten auf die unteren Kirchenführer ausgebreitet hat. Wir alle – hohe Prälaten und einfache Kleriker – sind abgewichen, ein jeder sah nur auf seinen eigenen Weg, und da ist schon lange keiner mehr, der Gutes tut, auch nicht einer.»
Diese Formulierungen bilden den Mittelpunkt des Schuldbekenntnisses, das er im Angesicht der reformatorischen Kritik an Papst und Kurie auf dem Nürnberger Reichstag im Januar 1523 vortragen liess. Hadrian versprach, «dass Wir jede Anstrengung unternehmen werden, dass als Erstes diese Kurie, von der das ganze Übel ausgegangen ist, reformiert wird . . . Dazu fühlen Wir Uns umso mehr verpflichtet, als Wir sehen, dass die ganze Welt eine solche Reform sehnlichst begehrt.»
(Aus einem Artikel der Münsteraner Kirchengeschichtlers Hubert Wolf. Morgen an dieser Stelle die Frage: Wie könnte eine solche Reform aussehen? Aus der Kirchengeschichte gibt es überraschende Antworten.)
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/graeuliche-missbraeuche-an-der-kurie/