»Jesus beruft Jünger»: Dazu einige Bemerkungen:
Die Jünger, die Jesus beruft, sind sehr unterschiedlich. Diese Männer sind ganz unterschiedliche Typen: Da gibt es hervorragende Gestalten wie Simon Petrus, der ja bereits bei der ersten Begegnung auf Jesus einen besondern Eindruck gemacht hat, so dass er ihm einen Übernamen gegeben hat. Petrus war, wenn man so sagen darf, ein Feuerteufel. Ganz anders zum Beispiel Johannes, der Lieblingsjünger Jesu. Er war das, was man heute einen Softie nennen würde.
Ja, wir sehen, was der Volksmund prägnant ausdrückt: Gott hat verschiedene Kostgänger. Vor ihm ist jeder Mensch wertvoll. Jeder und Jede ist von Gott geschaffen, von ihm akzeptiert. Dies könnte uns ermutigen, auch dann zu einem Menschen Ja zu sagen, wenn er ganz anders ist als wir.
So unterschiedlich seine Jünger sind, alle werden von ihm ausgesandt. Jeder bekommt einen Auftrag. Oder etwas unelegant ausgedrückt: Jeder ist brauchbar. Sie kennen wohl den frechen Spruch: Jeder Mensch ist zu etwas nütze, wenn vielleicht auch nur als abschreckendes Beispiel. Tatsächlich, in vielen Familien heisst es etwa: «Werde nicht so wie Onkel Max, wie Tante ….». Wenn die Kinder die Mahnungen beherzigen, hat das abschreckende Beispiel seine Wirkungen.
Nun, etwas ernsthafter: Wir alle sind von Gott berufen, nicht nur – wie man früher oft den Eindruck entstehen liess – die Priester und Ordensleute. Es ist wohl unsere lebenslange Aufgabe, immer wieder zu fragen, welches gerade jetzt meine spezielle Berufung ist
Im heutigen Evangelium finden wir den etwas seltsamen Hinweis, dass die Männer, denen Jesus begegnet, ihn gefragt haben: «Wo wohnst du?» Die Kirchenväter haben später mit diesem Satz intensiv beschäftigt. Einer meinte: «Wenn jemand kommt und mich bittet, ihm meinen christlichen Glauben zu erklären, lade ich ihn eine Zeitlang zu mir nach Hause ein.» Und zwar nicht, um Vorträge zu halten; sondern um zu zeigen, wie der christliche Glaube mein Leben prägt.
Ein mutiges Unterfangen. E fordert uns heraus. Denn leben wir wirklich so, dass man an meinem ganz alltäglichen Verhalten spürt, wie wir christlich leben? Sie können die Frage einmal am Familientisch diskutieren.
Ein Viertes: Berufungsgeschichten in den andern Evangelien erzählen uns, wie die angesprochenen Fischer am See Genesareth sofort/plötzlich ihre Netze verlassen und Jesus nachgefolgt sind. Vielleicht ging es in der Realität doch nicht so schnell. Trotzdem: Da gibt es Männer, die den Mut haben, ein völlig neues Leben anzufangen. Wer von uns hätte wohl diesen Mut?
Allerdings: Kaum jemand von uns wird oder wurde gefordert, sich plötzlich neu zu orientieren. Es gibt wohl bloss so kleine Störungen in unserem Leben, die für eine bestimmte Zeit unsern gewohnten Tramp unterbrechen. Ich denke da nicht bloss an ernsthafte Erkrankungen. Es können auch so banale Dinge sein wie ein unerwarteter Besuch. Oder ein Telefonanruf, der uns mitten in der Arbeit stört. So wie heute, als ich diese Predigt vorbereitete, ein unbekannter 85-jähriger Mann anrief, um mit mir zu plaudern. Die Herausforderung für mich war, dass ich ruhig und geduldig blieb, auch wenn er zum siebten Mal sagte: «Da muss ich Ihnen doch noch etwas erzählen.»
So etwas kann nerven. Wenn wir die Herausforderung annehmen, erweisen wir aber jemandem einen kleinen Dienst, der ihm viel bedeutet.
5. Noch eine fünfte und letzte Bemerkung zum Thema Berufung. Es war bisher immer die Rede von der Berufung der Jünger. Feministinnen würden wohl fragen: Wo bleiben die Jüngerinnen?
Während Jahrhunderten blieben sie vergessen. Man hat die Bibelstellen schlicht überlesen, in denen von ihnen die Rede war: von «den Frauen, die Jesus nachfolgten». Es waren offenbar nicht wenige, darunter hoch angesehen. Im 8. Kapitel des Lukas-Evangeliums werden einige aufgezählt, wo es heisst: «Jesus zog durch Städte und Dörfer, mit den Zwölfen und einigen Frauen: Maria von Magdala, und Johanne, die Frau des Chuza, eines Verwalters des Herodes und Susanna und viele andere.»
Es waren also nicht bloss Einzelfälle. Ich denke, die Kirche sollte diese Tatsachen ernst nehmen. Beten wir für sie, dass der Heilige Geist ihr hilft, den Frauen den gebührenden Platz zu geben.
Luzern Elisabethenheim, Sa. 16.30; Stans St. Klara So 9.30 und Pflegeheim 10.40.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant