Koran und Bibel vernünftig lesen (Al Imfeld II.)

Wenn der Koran und die Bibel nicht in die fundamentalistische Sackgasse führen sollen, muss vernünftig mit diesen Quellen des muslimischen beziehungsweise christlichen Glaubens umgegangen werden. Al Imfeld zeigt mögliche Wege in seinen differenzierten Thesen (vgl. 1. Teil Blog vom Samstag)

Das AT und NT bestehen aus Geschichten; der Koran enthält Lehr- und Weisheitssprüche, denen meist der damalige menschliche und soziale Kontext fehlt. Sie werden daher abgehoben und absolut behandelt. Das NT gibt laufend Kontext oder den Sitz im Leben; dagegen kommt der Koran eher einem juristischen Kodex gleich, der erst im Laufe von 300 Jahren in der Sunna konkretisiert wurde. Wir könnten daher die Sunna als eine eigenwillige (oder andere) Form der Exegese verstehen. Die Sunna besteht aus Hadith (übersetzt: Erzählung oder Überlieferung). Ein Hadith führt immer auf Mohammed zurück und bringt Suren in den einstigen Alltag von Mohammed. Somit kannte der Islam bis ins 10. Jahrhundert sozusagen eine Fortsetzung der Offenbarung. Diese wurde dann wegen der Gefahr der Überbordung gestoppt. Somit fixierte der Islam seine frühzeitliche Eigenheit einer fortlaufenden Offenbarung und wurde «zweistromig»: der Kalifen- und Sultan-Islam, stark politisch und von den einzelnen Rechtsschulen geprägt und der Volksislam.
Die entscheidende Frage entsteht, wenn ein Korankenner zwei Suren findet, die sich scheinbar aufheben oder gegeneinander ausgespielt werden können. Gibt es eine Form von Reden in Widersprüchen oder Gegensätzen? Oder heben sie sich dann gegenseitig auf und werden zu einer Form des weder Sowohl-das- nicht als auch jenes nicht? Relativiert es die Aussage beider Suren? Oder ist diese Weise gar ein eigenwilliger Vorgang der Vertiefung einer Kernaussage? Gibt es im Islam etwas vergleichbar Ähnliches wie im Christentum, welches stets das AT zwar mitnimmt, jedoch von Jesus behauptet, dass er dieses entweder erfüllt oder überholt habe; das AT verpflichtet nicht; es dient der Erhellung.
Immer wieder wird auf beiden Seiten betont: Es kommt auf den Geist an. Aber was ist denn dieser Geist? Dazu braucht es die Exegese! Sonst sind Aussagen leere Rechtfertigungen. Wir brauchen Deutungen je mehr wir uns (Muslime wie Christen) vom Ursprung der Offenbarung entfernen und uns in einer anderen Weltlage als anno dazumal (in illo tempore) befinden.
Deutungen unterliegen der Gefahr, dass sie isoliert vorgehen oder an einem Detail hängen bleiben. Der gute Exeget muss dauernd vom Ganzen zum Detail hin- und hergehen. Niemals darf er die Gesamtheit aus den Augen verlieren. Sowohl die christliche als auch die islamischen Offenbarung setzten sich von reiner Rechtsprechung ab. Bei Jesus ist das ganz klar; bei Mohammed ging es primär darum, alle Beduinen vereinen zu können, indem sie alle und immer unter Allah standen.
Gerade in der Auslegung haben wir das Zeitbedingte vom Absoluten zu trennen. Wie? Wir wissen scheinbar immer weniger von diesem Absoluten. Wir kennen etwas vom soziokulturellen Kontext von Abraham oder Moses und den Propheten, aber eigentlich nichts von Gott, der im AT drei verschiedene Namen trägt, also auf drei Überlieferungen verschiedener Art zurückgeht, also auf drei Kultur- oder Agrar- und Stadtgeschichten. Yahweh, Elohim (Eloah, Elah) Jehovah, sogar Adonai u.a. wurde dieser eine Gott genannt. Um auf keinen Fall ein Ausweichen zu ermöglichen, wurde im Islam Allah mit 99 «all»-Varianten festgemacht. Dennoch kommt früher oder später dieses Menschliche und Zeitbedingte mit hinein. Keine Religion, selbst eine starke monotheistische nicht: Religion und erst recht Offenbarung haben primär mit Menschen zu tun, warum denn sollte ein Gott offenbaren? Gott spricht zu Menschen und nicht für sich. Und genau hier liegt der Kern des Problems.
Nochmals sei darauf hingewiesen, dass es in jeder Offenbarung Eindeutiges und Zeitbedingtes, Banales und Sakrales, Alltägliches und Absolutes gibt. Doch wer unter den Menschen entscheidet das Dazwischen oder differenziert. Dazu ist die Kunst der Exegese da.

Fortsetzung/Schluss folgt.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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