Ein «metaphysisches Gruseln» überfiel bekanntlich Mani Matter beim Anblick seines sich unendlich immer wiederspiegelnden Spiegelbilds beim Coiffeur. Ein solches überfall mich beim Anblick der Milchstrasse; oder wenn ich etwas lese über die neuesten Erkenntnisse der Physik; wie beispielsweise in einem Interview mit dem Quantenphysiker Bruno Binggeli im «Beobachter». Ein Ausschnitt:
Beobachter: Was ist denn am Ende Materie überhaupt? Binggeli: Das ist die grosse Frage. Es gibt Paradoxien in der Quantenphysik, unauflösbare Widersprüche. Ein Musterbeispiel dafür ist die Teilchen-Welle-Dualität, in der sich beispielsweise ein Lichtquant wechselweise als Welle oder eben als Teilchen verhält, aber wann es was tut, ist von der Art der Beobachtung abhängig. Populär ausgedrückt: Je nachdem, welche Fragen man stellt, bekommt man verschiedene Antworten, so dass wir bis heute nicht richtig dingfest machen können, was Materie überhaupt ist. Je genauer wir hinschauen, desto mehr entzieht sich die Materie dem Blick und löst sich auf in etwas nicht Materielles, wenn Sie so wollen, Geistiges.
Beobachter: Sie haben in Ihrem Buch «Primum mobile» geschrieben, Photonen, also Lichtquanten, seien «eine Analogie zu Engeln». Wie ist das zu verstehen? Binggeli: Eine Analogie ist ja eine Ähnlichkeit von Dingen, die nichts miteinander zu tun haben. Photonen sind keine gewöhnlichen Teilchen, sondern sie bewegen sich mit Lichtgeschwindigkeit, und sie haben eine Reihe von Eigenschaften, die sehr ähnlich sind wie die Eigenschaften der Engel. Sie sind masselos, sind reine Energie, und sie vermitteln eine gewisse Kraft. Wenn man sich auf ein Photon setzen könnte, bliebe die Zeit nach der Einsteinschen Relativitätstheorie stehen. Sie sind also sehr speziell.
Beobachter: Was folgern Sie aus dieser Analogie? Binggeli: Ich glaube, dass es zu tun hat mit einer Spiegelung von Innenwelt und Aussenwelt. Engel können zwar bestimmten Menschen in der Aussenwelt erscheinen, sie kommen aber eher vor in Träumen, in Visionen, sind also gleichsam Bewohner der Innenwelt. Photonen haben scheinbar dieselbe Aufgabe in der Aussenwelt. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Innen und Aussen, nicht über Ursache und Wirkung, sondern eher als Entsprechung zwischen physischer Aussenwelt und psychischer Innenwelt. Welt und Seele, hätte man früher gesagt.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant