Ins Neue Jahr begleiten uns vor allem zwei Gefühle:
Im Rückblick auf das vergangene Jahr ist es der Dank. Und im Ausblick auf die Zukunft ist es das Vertrauen, ohne das wir nur angstvoll ins Jahr 2015 schreiten könnten.
Zuerst ganz kurz etwas zum Dank. Die meisten von uns haben im vergangenen Jahr wohl nicht nur Licht, sondern auch Schatten erlebt. Dennoch: Ist es so selbstverständlich, dass wir noch hier sind; leben dürfen, gute Mitmenschen um uns haben? Millionen von Menschen geht es viel, viel schlechter als uns: nicht nur in Syrien, im Irak oder in Flüchtlingslagern. Darum: Danken wir Gott in dieser Eucharistiefeier, die ja eine Feier des Dankes ist.
Dann zum Vertrauen: Durch Zufall oder wohl besser durch eine gute Fügung kam mir vor drei-vier Tagen ein Neujahrsgedicht von Jochen Klepper in die Hände. Klepper gilt als der wohl bedeutendste protestantische geistliche Dichter des 20. Jahrhunderts.
Das Gedicht entstand 1938, also mitten in der Zeit des Nationalsozialismus. Es war gerade für den Autor eine ganz besonders schwere Zeit. Er war nämlich mit einer Jüdin verheiratet und wusste nie, ob das Regime ihn von ihr trennen würde. Umso erstaunlicher ist der positive Ton des Gedichts. Ich möchte Ihnen drei der sechs Strophen vortragen. Sie sind vielleicht etwas schwierig zu verstehen. Doch ich werde dann einiges erklären.
Der du die Zeit in Händen hast
Der du die Zeit in Händen hast,
Herr, nimm auch dieses Jahres Last
und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ
die Mitte fest gewiesen ist
führ uns dem Ziel entgegen.
Da alles, was der Mensch beginnt,
vor seinen Augen noch zerrinnt,
sei du selbst der Vollender.
Die Jahre, die du uns geschenkt,
wenn deine Güte uns nicht lenkt,
veralten wie Gewänder.
Der du allein der Ewge heisst
und Anfang, Ziel und Mitte weisst
im Fluge unsrer Zeiten:
bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.
In der 1. Strophe geht es um Gott, der unsere begrenzte Zeit in Händen hat. Auch er ist es, welcher unserem Leben ein unvergängliches Zeit schenkt.
In der 2. Strophe ist diese Vergänglichkeit nochmals angesprochen. Sie ist aber nicht das Letzte. Denn Gott kann der Vollender sein, der alles zum Guten lenkt.
In der 3. Strophe wird das Vertrauen ausgedrückt, dass Gott «uns an seiner Hand führt, damit wir sicher schreiten.»
Die Lieder von Jochen Klepper wollen uns Mut machen in einer Zeit, in der immer mehr Menschen (auch viele Christen) von Ängsten und Depressionen bedrängt werden. Sie machen uns Mut, weil Gott an unserer Seite ist und bleibt, auch im Neuen Jahr 2015.
Stans, 1. Januar 2015: 9.30 Uhr Kloster St. Klara; 10.40 Uhr Heim Nägeligasse.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant